Interview mit Richard Wiemers

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten.

Gerne! 

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Ich hoffe, sie lesen dann noch weiter (. Es gibt nämlich nichts Spektakuläres über mich zu berichten. Nach dem Abitur habe ich Anglistik und Musik studiert und verdiene meine Brötchen seither als Realschullehrer in einem kleinen Städtchen in Ostwestfalen. In der Nähe habe ich es mir auch gemütlich gemacht und wohne dort mit meiner Familie.

Wie bist du zum Schreiben gekommen? Seit wann schreibst du?

Es war eher eine Kindheitserfahrung, die sich zum stillen Faible auswuchs, ohne je wirklich geweckt zu werden. Damals habe ich mit meinen Brüdern gereimte Geschichten geschrieben und gezeichnet. Und dann vor etwa zwei Jahren: Der Musenkuss, jawohl! Und zwar in Form des Romans Dierk Gewesen und die glorreichen Sechs, den ich auf Verdacht kaufte, weil das Cover mir gefiel und der so knallhart abgedreht ist, ganz im Sinne und in der Fortsetzung von Douglas Adams, dass es mich packte, selbst einmal einen Krimihelden zu erfinden und ihn skurrile Abenteuer erleben zu lassen. Geschrieben hatte ich vorher schon hier und da, Kabaretttexte und anderes, verfügte also über eine gewisse Vorerfahrung. Das Schreiben selbst erlebe ich als ungemein lustvollen und bereichernden Prozess. Mit Sprache gespielt habe ich immer schon gern, und neu und beglückend war für mich die Erfahrung, diese Spielereien in eine literarische Form zu gießen und sie genau auszuarbeiten.

Gibt es reale Vorbilder für deine Figuren?

Beobachtet man Menschen und Ereignisse mit etwas Abstand, entdeckt man oft die unfreiwillige, folkloristische Komik in ihnen. Das ist ja, nebenbei erwähnt, das Muster, nach dem Lokalkrimis gestrickt sind. Es erfordert den leicht distanzierten, belustigten Betrachter, der eigentlich nichts anderes tut, als dem Leser – wie ein Kabarettist das auch tut – Dinge zu zeigen, Verhaltensweisen, die er schon kennt. Das Lachen ist quasi die Wiedersehensfreude. Und so laufen einem im wirklichen Leben permanent Figuren über den Weg, die einen Platz in einer lustigen Geschichte verdient hätten. Die im Buch auftauchenden gibt es so nicht, mit einer Ausnahme: Die des westfälisch dahinschwadronierenden Medienpsychologen brauchte ich nicht zu erfinden. Die habe ich eins zu eins so erlebt, wie ich sie schildere.

Jedes vierte in Deutschland verkaufte Buch ist laut einer Statistik ein Krimi. Deutsche lieben vor allem die kühlen, leicht schwermütigen skandinavischen Bücher. Bross fällt da etwas aus dem Rahmen. Warum ist er dennoch überzeugend?

Vielleicht, weil er mit der düsteren Stimmung der skandinavischen spielt – die Schwermut des Titelhelden ist ja der einer Figur aus der Feder von Mankell nicht unähnlich – und ihr gleichzeitig Komik und Skurrilität entgegensetzt. Aber das kann ein unvoreingenommener Leser sicher besser beurteilen.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Natürlich. Ohne geht es nicht. Man kann sich ja nicht einfach Fakten über Lokalitäten, historische Ereignisse etc. aus den Fingern saugen. In meinen Bross-Büchern spielt Musik eine große Rolle, und was ich da schreibe, ist gründlich recherchiert. Oder: Im ersten Bross gibt es eine Szene, in der sechs verschiedene Pistolen aufeinander gerichtet sind. Sie alle sollten Waffen mit einer gewissen kultigen Aura sein. So etwas will sorgfältig recherchiert sein.

Wo schreibst du am liebsten?

Bewährt hat sich zu Haus der Wohnzimmersessel, dazu ein Tee oder ein Wein. Total klischeehaft, jaja, weiß ich. Funktioniert aber. Besonders produktiv war eine Reha vor zwei Jahren an der Ostsee, als ich jeden Tag nach Ende meines Klinikprogramms in den Hafen ging, um zu schreiben. Dort ist bestimmt die Hälfte der Geschichte entstanden. Oder Schreiben im Café. Das ist ein Quell der Inspiration. Man muss sich nur umsehen und entdeckt sie, die Typen und Geschichten, die sie mit sich herumtragen. Ich trage dafür ein kleines Notizbuch bei mir, in dem ich amüsante Kleinigkeiten notiere, die ich beobachte.

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Gibt es in der Tat. Der zweite Bross-Roman liegt jetzt als Manuskript beim Verlag, und ich denke, dass er im Sommer erscheinen wird. Sneak-Preview-Leseproben gibt es schon auf meiner Facebook-Seite. – Darüber hinaus plane ich ein Roadmovie, mein absolutes Lieblingsgenre übrigens. Der Hundertjährige oder Theo gegen den Rest der Welt – wunderbar! Ursprünglich sollte Bross eines werden, wollte sich dann aber doch anders entwickeln, und nur ein paar Reste davon finden sich noch in der Handlung. Ich habe jedenfalls einige Ideen für ein Roadmovie und finde es selbst total spannend, was daraus im Endeffekt werden wird.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Dierk Gewesen hatte ich ja schon erwähnt. Der Autor heißt Christian Gailus. Und dann ist da die schon frühkindliche Sozialisierung mit Loriot, Ephraim Kishon, Werner Finck und anderen Humoristen, die bei meinen Eltern angesagt waren und denen wir Kinder uns nicht entziehen konnten. Lief Loriots Cartoon im Fernsehen, durften wir länger aufbleiben. Von Kishon gibt es eine Geschichte namens Chamsin und Silberrausch, die am Ende ins völlig Absurde ausufert und die meine Vorliebe für intelligenten Blödsinn begründete. Das war Slapstick pur. Ansonsten gibt es eher filmische Vorbilder, Groucho Marx zum Beispiel, dessen Genialität in seiner Ambivalenz zwischen Hochstaplerei und völliger Ahnungslosigkeit liegt. Oder Figuren, die sich selbst persiflieren, wie der großartige Herbert Knebel. Keiner der Genannten ist direkt in den Bross eingeflossen, aber sie stecken alle irgendwo in meinem Hinterkopf.

Was sind deine Lieblingscomicbücher?

Da gibt es einen klaren Favoriten, und das ist Lucky Luke, der Mann, der schneller zieht als sein Schatten. Ich liebe Superhelden, die physikalisch Unmögliches beherrschen. Ebenso habe ich eine Schwäche für Bösewichte, denen man ihre Missetaten im Grunde gar nicht übelnehmen kann, weil sie – die Wichte wie die Taten – so rührend sind. Die Panzerknacker gehören dazu, die Daltons auch. Was in Prosaliteratur normalerweise nicht geht, geht in Comics: Das Überzeichnete, das Plakative, das Schrille. Das habe ich mir im Bross zunutze gemacht. Gerade die Ermittler in Comics früherer Jahrzehnte, mit Hut, Trenchcoat, Gauloises auf der Lippe und ihrer omnipotenten Souveränität, lieferten mir reichlich Futter. Und ein Superverbrecher muss einfach aussehen wie Lee van Cleef.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Meine derzeitige Liebe gilt ganz eindeutig dem Schreiben, das ich als das genaue Gegenteil von Arbeit und Stress empfinde. Dadurch beschäftige ich mich mit etwas, das mir Spaß macht, fahre gleichsam herunter und lade Akkus wieder auf. Aber es gibt noch mehr: Als jemand, der Musik studiert hat, kommt man vom Musik machen nicht los. So habe ich mit 39 noch mit dem Kontrabass spielen begonnen und Unterricht genommen. Seitdem spiele ich in einem Jazztrio, und ich leite eine Projektbigband. Lange Jahre galt mein Interesse auch anderen Dingen: Klavierbegleitung, Arrangieren, Chorleitung, Bass im Sinfonieorchester und mehr, nie gleichzeitig natürlich, das ginge ja gar nicht, sondern immer punktuell. Das meiste habe ich aber in der letzten Zeit zu Gunsten des Schreibens aufgegeben.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Traum Nummer eins ist ein Urlaub auf den Malediven ... solange es sie noch gibt. Weitere Wunschziele sind Patagonien, Neuseeland, Alaska, also alles weit weg. Wenn deine Frage auf meinen Wunsch nach einem Bestseller abzielt, muss ich dich enttäuschen. Ich bin Realist genug zu begreifen, dass ich damit nicht zu rechnen brauche.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Sehr! Ich freue mich über jegliches Feedback und nehme es ernst. Immerhin sollte ein Autor ja für seine Leser schreiben, und das geht nicht, wenn er gar nicht weiß, was die Leser mögen und was nicht. Und ich glaube, ich kann gut mit Kritik umgehen. Etwas persönlich zu nehmen ist mir fremd.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast; magst du den Lesern noch etwas sagen?

Danke, dass ihr bis hierher gelesen habt! 


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