Interview mit Robert Brack

© Charlotte Gutberlet 

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Eigentlich denke ich, die Bücher und die Figuren darin sind wichtiger als ich selbst. Wenn man Bücher "heimlich" verkaufen könnte, wäre mir das sehr recht, aber das funktioniert ja nicht. Die Verlage wollen "ein Gesicht", die Presse will Interviews und "Porträts". Dabei kann man persönlich kaum die komplexen Themen ansprechen, die in einem Roman beschrieben sind – deshalb gibt es ja Romane.

Seit wann schreibst du?

Seit ich zwölf oder dreizehn war, wusste ich, dass ich schreiben kann und dass das eine Option wäre. Aber es dauerte noch mal so lange, bis ich es ernsthaft versucht habe. Ich frage mich inzwischen, ob man sich das auch wieder abgewöhnen kann.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Durchs Lesen. Und weil es, siehe oben, einfacher ist, eine komplexe Weltsicht im Rahmen einer Geschichte zu vermitteln als in einem Gespräch oder einem Sachtext bzw. einer wissenschaftlichen Arbeit.

Ab wann wusstest du, dass du Autor werden willst?

Ganz ernsthaft nach dem Studienabschluss (Soziologie). Wissenschaftliches Arbeiten kam für mich nicht in Frage, das war zu blutarm. Journalismus fand ich nie wirklich attraktiv, weil man eher funktional schreibt und entsprechend der Erfordernisse des Mediums. Also blieb nur die Literatur. Mit 26 hatte ich auch endlich ein Thema, das einen ganzen bzw. mehrere Romane tragen konnte (Polen, polnische Exilanten, der heruntergewirtschaftete Ostblock und die dortigen Lebensverhältnisse) – es konnte losgehen.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Ziemlich viele, insgesamt wohl 33 oder 34 Romane, wenn man alle Pseudonyme berücksichtigt. Und viele Übersetzungen aus dem Englischen.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Ja, sehr viel. Für historische Romane gilt die Faustregel: ein halbes Jahr Recherche plus ein halbes Jahr Niederschrift. Aber ich habe auch schon für ein Buch sechs Jahre lang recherchiert ("Und das Meer gab seine Toten wieder"). Gegenwartsromane sind da eher eine Erholung, aber auch da müssen Fakten geprüft werden, wenn man konkret Bezug auf die Wirklichkeit nimmt. Das sollte aber in keinem Fall die Lust am Fabulieren zerstören (gar nicht so einfach).

Wo schreibst du am liebsten?

In meinem Büro auf St. Pauli mit Blick auf den Hafen. Woanders kann ich gar nicht schreiben. Die Idee mit Bleistift und Notizbuch auf Reisen zu gehen und rund um die Welt in Kaschemmen und Cafés zu sitzen und zu schreiben, hat sich als undurchführbar erwiesen. Zumal ich mein Archiv brauche, und einen Schreibtisch und eine geschlossene Tür.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Morgens um 8.30 am Schreibtisch sitzen, spätestens 9 Uhr anfangen und dann 5 bis 7 Seiten schreiben. Um 16 Uhr (also jetzt gleich) sollte Schluss sein. Nach 14 Uhr idealerweise nur noch Administratives sowie Fragebögen beantworten.

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Die Fortsetzung von "Die Toten von St. Pauli", auch wieder ein historischer Kriminalroman, der die Wilden Zwanziger im Rotlicht- und Gangstermilieu beschreibt, aber auch kriminelle Intrigen innerhalb der hanseatischen High Society von damals. Und mit jedem Geheimnis, das Kriminalkommissar Alfred Weber aufdeckt, gerät er einen Schritt tiefer in den Morast moralischer Verkommenheit auf allen Seiten.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Tatsächlich waren es Filme. Die französischen Films noirs der 30er und die amerikanische Schwarze Serie der 40er Jahre. Die Poesie der Verzweiflung, die in gewalttätigen Widerstand mündet oder die Gewalt aus Verzweiflung, die in poetischen Widerstand mündet ... es war die Sprache der Bilder, das Düstere, die schicksalhafte Verstrickung und das Aufbegehren des Einzelnen dagegen – das wollte ich in meinen Geschichte ausdrücken. Vielleicht ist es mir ja hier und da mal gelungen.

Zum Schreiben ermuntert hat mich dann die Lektüre von Jörg Fauser, vor allem seiner Kurzgeschichten, denn er zeigte, dass es eine Literatur jenseits des blutarmen Feuilletons geben kann.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Als Kriminalschriftsteller kommt man nicht an Chandler und Hammett vorbei, und weil ich eine Vorliebe für politische Themen habe, waren Eric Ambler und Ross Thomas auch nicht unwichtig, und stilistisch Simenon genauso wie Manchette, und atmosphärisch Woolrich, Goodis, die beiden Cains, Chester Himes, Leo Malet, Derek Raymond, Ted Lewis, Declan Burke (den ich übersetzt habe) ... alle Meister des Noir und auch ein paar Frauen z.B. Patricia Highsmith, Sara Gran, und und und ...

Aber es gibt auch noch ganz viele Nicht-Genre-Autoren: Remarque, Fallada, Ernst Kreuder, Hans Erich Nossack, Balzac, Dumas, Stendhal, Fitzgerald, Cesare Pavese, Ignazio Silone, Cervantes, Marx und Engels, die Situationisten ... unter den lebenden Deutschen kann ich Franz Dobler gar nicht hoch genug preisen.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Musik, wenn es die Zeit erlaubt. Ich spiele Bassgitarre. Eine Art von Jazz. Lange Zeit wollte ich Musiker werden, aber diese Illusion zerschlug sich zugunsten der Verwirklichung einer anderen.

Kochen, Essen, Wein trinken, philosophieren, den Umsturz aller Wert in die Wege leiten, die fröhliche Anarchie propagieren, den Rechtsradikalismus bekämpfen, Essays zur Kriminalliteratur schreiben, manchmal auch zu einem aktuellen gesellschaftlichen Thema.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Weniger schreiben müssen. Mehr Bücher einfach nur aus Spaß lesen, nicht aus Recherchegründen. Mehr Zeit haben, um zu reisen. Öfter ins Kino gehen.

Mehr Zeit haben, um umfangreiche französische Menüs für Gäste zu kochen (sehr wichtig).

Mein größter Traum wäre: Einen anspruchsvollen Kriminalroman zu schreiben, der (trotzdem) ein breiteres Publikum findet.

Und jetzt gleich: Eine gute Flasche Wein öffnen!

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Das sind die Leute, für die ich arbeite, also ganz wichtig. Ohne die Leser bin ich nichts. Das interessanteste Feedback bekommt man bei Lesungen. Wobei mir Fragen aus dem Publikum genauso wichtig sind wie Fragen hinterher. Ich beantworte auch immer schriftliche Anfragen von Lesern, die ich bekomme (manchmal dauert es ein bisschen) ... sofern es sich um Fragen zu den Büchern handelt. Alles andere fällt mir schwerer ... siehe oben, aber ich bemühe mich (siehe diesen Fragebogen).

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Lasst euch nicht von den Herrschenden, den Einflussreichen und den Skrupellosen für ihre verschleierten Ziele missbrauchen. Glaubt nichts, ohne nachzufragen. Zieht alles in Zweifel. Kämpft für die Freiheit des Individuums und für umfassende soziale Gerechtigkeit. Jeden Tag, im Großen wie im Kleinen. Reißt alle Grenzen nieder. Steht auf gegen Dummheit und Hass. Rettet den Planeten vor der zerstörerischen Gier des globalen Kapitalismus.


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