Interview mit Helmut Wichlatz

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Es ist mir eine Freude!

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Mein Name ist Helmut Wichlatz. Ich bin Jahrgang 1963 und arbeite seit Jahren als Schreiber. Damit meine ich eigentlich die gesamte Klaviatur von Werbetext bis Journalismus. Früher habe ich fest in Agenturen gearbeitet, heute bin ich selbständig und genieße das schon sehr. Es verschafft einem mehr Freiheit, macht die vorhandene Zeit flexibel planbar. Heute biete ich Seminare für Schreibbegeisterte, arbeite kreativ mit Menschen mit Behinderung für die Lebenshilfe, leite zwei Lea Leseklubs und organisiere mit Freunden seit zwei Jahren die Literaturreihe „Erkelenzer Leseburg“. Studiert habe ich Germanistik sowie Entwicklungs- und Sozialpsychologie in Düsseldorf. Über das Radio bin ich zur Werbung gekommen, von der Werbung zum Journalismus und so weiter …

Seit wann schreibst du?

Beruflich seit 1990, vorher habe ich während des Studiums mit einem Kumpel ein Fanzine herausgegeben und zwei, drei Romane „verbrochen“ und dann schnell wieder weggepackt. Ich war noch nicht so weit, musste erst ein wenig leben und erleben, um auch etwas zu haben, worüber es sich zu berichten lohnen würde. In der Zwischenzeit versüßte ich mir die Zeit mit Werbetexten für Autos, Küchen, Mode, Whisky, Kräutertees und Frauenzeitschriften (u.v.m.)

Wie bist du zum Bücherschreiben gekommen?

Durch eine schwere Erkrankung meiner Frau im Jahr 2008. Sie lag eine Weile im Koma und nach der Reha und allem Pipapo waren über fünf Monate vergangen, bis sie wieder zu Hause war. Mein Sohn hielt sich die ganze Zeit über erstaunlich gut und ich habe mich gefragt, was wohl in seinem Kopf vor sich geht. Damals entstand die Fantasygeschichte „Sommerschlaf“, in der ich das Thema aus der Sicht eines 12-jährigen Jungen mit etwas Abenteuer und Action verarbeite. Die Geschichte ist sehr in der Tradition japanischer Erzählkunst à la Studio Ghibli (Hayao Miyazaki) angesiedelt. Wer es kennt, weiß, was ich meine. Und das ist auch der Grund, weshalb mein erster Roman bislang nicht veröffentlicht wurde. 2009 folgte dann der Krimi „Mordsclique“, der aber auch erst 2015 seinen Verlag fand. In der Zwischenzeit brachte ich einige Kurzgeschichten in Anthologien unter, veröffentlichte als Herausgeber eine zweisprachige Antho mit niederländischen und deutschen Kurzgeschichten („Nachbarn unter sich/Buren onder elkaar“) und unzählige Kolumnen zum Wahnsinn des Alltags. Die erscheinen demnächst unter dem Titel „Sie kennen mich, ich bin ein Menschenfreund“.

 

Ab wann wusstest du, dass du Autor werden willst? 

Das hat sich irgendwie ergeben aus der Notwendigkeit heraus, dass das, was mir da aus dem Kopf quillt, ja auch irgendwo untergebracht werden möchte. Von daher ist es falsch, von „wollen“ zu sprechen. Es hat sich eben in die Richtung entwickelt.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

„Nachbarn unter sich/Buren oder elkaar“ (2013, HKL-Verlag, Hrsg), „Mordsclique“ (2015, Sutton-Verlag), „Mittsommernachtstexte“ (2015, Selbstverlag, Hrsg.) sowie Veröffentlichungen in den Anthologien „Tödlicher Selfklant“ und Mörderischer Selfkant“ (beide HKL-Verlag), „Mörderischer Rhein“ (2014, Edition Oberkassel) und anderen Bänden. Derzeit liegen Kurzgeschichten für ein komplettes Buch auf meiner Festplatte sowie zwei fast fertige Romanmanuskripte.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Natürlich. Und zwar durch intensives Leben. Ich glaube, dass man Geschichten und handelnde Charaktere nicht am Reißbrett entwerfen kann. Man muss sie erlebt und kennengelernt haben, zumindest ihre Vorbilder. Und dann irgendwann verdichten sich die Eindrücke zu einer Szene – der Ursprungsszene – die sich dann zur Geschichte auswalzt. Zum Glück habe ich die „Mordsclique“ ja in meiner Heimatstadt angesiedelt, die ich wie meine Westentasche kenne. Der Umstand, dass ich seit gut 15 Jahren als Journalist vor Ort unterwegs bin und die Nase an so manche Story bekommen habe, macht es entsprechend leichter. Ich glaube auch, dass zu viel Recherche um Details der Handlung Dynamik nimmt. Wen interessiert, wie es wirklich in der Erkelenzer Hauptwache aussieht und ob links neben der Tür tatsächlich der Kopierer steht? Eben. Viele Autoren sch(m)eißen den Leser zu mit Details, die keiner braucht und die – so vermute ich – einen Mangel an Kreativität kompensieren sollen. Mein Erkelenz aus der „Mordsclique“ hat vieles zu bieten, was dem echten Erkelenz abgeht. Trotzdem ist es für jeden klar erkennbar genau diese Stadt und keine andere. Ich schaffe gerne fiktionale Umfelder, in denen sich der Leser mittels Kopfkino sehr frei bewegen kann.

Wo schreibst du am liebsten?

Wo immer es geht, wenn es geht. Zumeist beginnt es mit einem ausgiebigen Spaziergang und ein paar Notizen auf einem Zettel oder einem Bierdeckel. Die müssen dann gären und reifen, bis sie sich dann mit der ersten zusammenhängenden Idee wieder melden. Geschrieben wird ab morgens um halb sechs oder nachmittags. Dann gerne an einem Stück gleich lange Passagen.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Nein.

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Die Fortsetzung der „Mordsclique“ steht ebenso an wie ein Krimi namens „Hurensöhne“. In dem geht es ein bisschen härter zu und er bewegt sich teilweise am Rande der Schmerzgrenze, wie mir ein Probeleser mitteilte. Und irgendwann braucht der „Sommerschlaf“ ja auch noch einen Hafen.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Philippe Djian. Sein „Betty Blue“ habe ich spät gelesen, weil mich der Hype um das Buch und den Film erst abgeschreckt hat. Seitdem lese ich alles, was in Deutschland von ihm veröffentlicht wird. Er wird immer besser und schafft es heute, eine Geschichte mit Tiefgang und Stoff für 500 Seiten in knapp 200 zu erzählen. Das bewundere ich sehr.

 

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Neben Djian ist da vor allem E. T. A. Hoffmann, der die Romantik von ihrem unschuldigen Laken gezerrt und ganz nebenbei das Genre des Schauerromans erfunden hat. Er war ein großes Vorbild für Edgar Allen Poe. Wer Hoffmann mal erleben möchte, dem rate ich zu den „Lebensansichten des Kater Murr“ oder „Die Elixiere des Teufels“.

Charles Bukowski war ein sehr starker Beobachter, der Menschen charakterisieren und mit wenigen Sätzen sehr tiefgehend beschreiben konnte.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Freizeit kenne ich kaum. Wenn sie mal eintritt, bin ich ganz verwirrt und werde nervös. Nein, Spaß beiseite: Ich lese natürlich gerne, schaue mir besondere Filme an oder organisiere Lesungen und andere Kultur-Events in Erkelenz und Umgebung. Da ich einen 15-jährigen Sohn habe, ist die Freizeit heute von Dingen geprägt, die mich an sich nicht allzu sehr interessieren, z.B. American Football, Fachdiskussionen über die ersten drei deutschen Fußballligen etc ….

 Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Ein halbes Jahr Zeit und niemanden, der mir mit „Musst du noch“ oder „Könntest du mal“ kommt. Darüber hinaus möchte ich ein paar Wochen in New York leben, den Rothaarsteig bewandern und ein paar Dinge tun, die nur mich und meine Frau etwas angehen :)

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Oh, sehr! Es ist das Brot des Künstlers. Nur ist man allzu oft mit dem Feedback von Menschen konfrontiert, die eigentlich ein Fall für betreutes Wohnen wären. Am liebsten sind mir Leute, die mich nicht persönlich kennen. Die sind ehrlicher, nehmen keine Rücksicht und fragen nicht alle Backe lang, ob sie nicht doch das Vorbild für diese oder jene handelnde Person wären.

 

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Ja: Lesen verlängert Ihr Leben auf der Bewusstseins- und Erfahrungsebene um hunderte von Jahren, wenn Sie es nur wollen.

 


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