Interview mit Silvija Hinzmann

© Dagmar Schruf  

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Hallo Bianca, ja, das mach ich gerne. Aber zunächst bedanke ich mich für die Möglichkeit, hier etwas über mich erzählen zu dürfen.

Ich wurde 1956 in einer Kleinstadt in Nordkroatien geboren, wo meine Eltern damals gearbeitet hatten. Meine Vorfahren mütterlicherseits stammen aus Südmähren in Tschechien, die Ende des Neunzehnten Jahrhunderts nach Slawonien (nördliche Region von Kroatien) ausgewandert waren. Die serbischstämmige Familie meines Vaters kam nach dem I. Weltkrieg aus der Lika, einer Bergregion in der Nähe der Plitwitzer Seen, nach Slawonien.

Meine Eltern heirateten trotz der Vorbehalte ihrer beiden Familien. Mitte der Sechzigerjahre gingen sie wie so viele damals aus Südosteuropa als Gastarbeiter nach Deutschland. Mein jüngerer Bruder und ich blieben bei den Großeltern mütterlicherseits in einem Dorf unweit von Daruvar. Als das Leben „in der Fremde“ meine Eltern auseinander brachte, holte uns Mutter nach der Scheidung zu sich nach Stuttgart. Ich war ein schüchternes Landkind, gerade in der Pubertät, und musste mich erst einmal in der Großstadt orientieren. Die deutsche Sprache war ja kein Problem, da ich in Kroatien bereits drei Jahre Deutsch als Fremdsprache hatte. Aus meinen Plänen, nach dem Gymnasium in Kroatien, wo ich damals nach der achtjährigen Elementarschule schon angemeldet war, Geschichte oder Literatur in Zagreb zu studieren, wurde leider nichts. Schon einen Monat nach der Übersiedlung nach Stuttgart kam ich auf Wunsch meiner Mutter auf eine kaufmännische Schule, lernte Steno und Maschinenschreiben und begann mit fünfzehn Jahren in einer kleinen Maschinenfabrik im Büro zu arbeiten. Drei Jahre später holte ich den Realschulabschluss in der Abendschule nach, zog mit achtzehn von zuhause aus und ging neben der Arbeit aufs Abendgymnasium. Da ich aber kein Bafög bekam, reichten meine bescheidenen finanziellen Mittel einfach nicht aus ein Studium zu finanzieren, sodass ich das Abendgymnasium kurz vor Schluss abbrach. Doch man kann auch selbst weiterlernen.

Zum Übersetzen und Dolmetschen kam ich durch einen Zufall, als bei der Stadt Stuttgart die Abteilung Ausländerbeauftragter gegründet wurde und diese ehrenamtliche Dolmetscher suchte. Das war für mich eine wunderbare Möglichkeit, meine Heimatsprache nicht zu ganz vergessen. Und ich konnte dadurch anderen helfen. Mitte der Achtzigerjahre heiratete ich, machte Anfang der Neunzigerjahre die staatliche Prüfung als Übersetzerin und Dolmetscherin an der Universität Darmstadt, machte mich selbstständig und bekam zwei Kinder. Eine aufregende Zeit. Als die beiden aus dem Gröbsten waren, begann ich endlich selbst zu schreiben.

Seit wann schreibst du?

Ich habe schon in der Schule in Kroatien sehr gerne geschrieben und konnte einige Gedichte und Aufsätze in der Schülerzeitung veröffentlichen, in der ich einige Zeit mitgearbeitet hatte.

In meinen ersten Jahren in Stuttgart schrieb ich lange Briefe nach Hause, Gedichte, Kurzgeschichten und sporadisch auch ein Tagebuch, aber das nur für mich. :)

Wie bist du zum Bücherschreiben gekommen?

Auch das war auch so ein glücklicher Zufall. Bei einem Treffen der literarischen Übersetzer im Schriftstellerhaus irgendwann Ende der Neunzigerjahre lernte ich eine Kollegin kennen, die mir erzählte, dass sie unter anderem Krimis schrieb. Das fand ich sehr spannend und sagte, dass ich auch gerne schreiben würde, aber keine Zeit habe, es ernsthaft zu betreiben. Sie meinte lakonisch, wenn ich es wirklich wolle, solle ich mir die Zeit nehmen und es einfach tun. Und das tat ich dann. :)

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst? 

Schon ziemlich früh. Da wir zuhause lange keinen Fernseher hatten (erst Ende der Sechzigerjahre gab es in meinem Kleinen Dorf überhaupt Strom), erzählten uns die Großeltern und die anderen Leute im Dorf Geschichten von früher. Später, als ich lesen konnte, wurden Bücher zu meinem Fluchtort. (Großmutter schimpfte oft, weil ich nachts bei Kerzenlicht oder mit der Taschenlampe unter der Bettdecke las. „Das ist schlecht für die Augen“, meinte sie. Na ja, das stimmte auch irgendwie, denn mit achtzehn Jahren stellte ich fest, dass ich kurzsichtig war. :) Für meinen kleinen Bruder und die anderen Kinder im Dorf erfand ich Geschichten und Märchen, streunte durch den Wald und sah überall Feenen und Elfen, von denen mir meine andere Großmutter erzählt hatte. Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt war, als ich eines Nachts träumte, dass ich erwachsen und in einem anderen, fernen Land, ich glaube, es war Amerika, Schriftstellerin geworden war. :)

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Meinen ersten Krimi „Die Farbe des Himmels“ schrieb ich aus einer Laune heraus. Ich war als Übersetzerin und Dolmetscherin längere Zeit wegen eines Mordfalls, der sich in Kroatien ereignet hatte, bei der Mordkommission Stuttgart im Einsatz. Dort lernte ich Britt Reißmann kennen, die dort als Schreibkraft arbeitete. Irgendwann schlug ich ihr vor, zusammen einen Roman zu schreiben. So entstand „Die Farbe des Himmels“ und erschien 2005 im emons Verlag. Da ich danach wegen meiner Arbeit und privaten Verpflichtungen lange Zeit nicht dazu kam, an einem Roman zu arbeiten, schrieb und veröffentlichte ich zahlreiche Kurzkrimis und gab allein oder mit anderen mehrere Kurzkrimi-Anthologien heraus, die in verschiedenen Verlagen erschienen.

Mein Istrien-Krimi „Der Duft des Oleanders“ Prohaskas erster Fall in Istrien, ist im Juli 2015 beim Wieser Verlag erschienen.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Ja, soweit es meine Zeit eben zuließ.

„Der Duft des Oleanders“ z.B. spielt in Rovinj, einer hübschen Kleinstadt im Westen von Istrien (das ist diese große Halbinsel im Norden der Adria). Und da mein Vater mit seiner zweiten Familie in Rovinj lebte und ich ihn in den Schulferien und später mit meiner eigenen Familie besuchen kam, konnte ich recherchieren und fotografieren. Letztes Jahr war ich auch dort und hoffe, bald wieder hinfahren zu können.

Wo schreibst du am liebsten?

In meinem kleinen Arbeitszimmer. Und wenn das Wetter es zulässt, im Garten unter dem Sonnenschirm.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Eigentlich nicht. Ich brauche Zeit und Kaffee. Meistens schreibe ich abends oder nachts, wenn es im Haus ruhig ist.

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Ich schreibe zurzeit am zweiten Istrien-Krimi mit meinem Protagonisten Joe Prohaska.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Ich weiß es nicht. Ich lese sehr viel und analysiere den Schreibstil der anderen, aber schreiben kann ich nur mit meiner eigenen Stimme.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Das ist eine sehr schwere Frage! Ich habe viele Lieblingsbücher und Lieblingsautoren. Von Homer bis zu den heutigen Autorinnen und Autoren lese ich alles, querbeet und je nach Stimmung.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Vieles! Natürlich als Erstes schreiben, dann lesen, aber auch malen, zeichnen, fotografieren, kochen, im Garten arbeiten, mit Freundinnen und Freunden reden, ausgehen, Museen besuchen, manchmal in die Oper gehen oder Jazz- oder Klassikkonzerte besuchen, reisen, im Wald spazieren gehen ...

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber als Kind war ich fest davon überzeugt, dass, wenn man seine Wünsche oder Träume jemandem erzählt, diese nicht in Erfüllung gehen (was sich manchmal leider bestätigte). Doch eines wünsche ich mir schon - gesund zu bleiben und noch viele Geschichten erzählen zu können.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Ich freue mich immer zu erfahren, wie meine Geschichten ankommen.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Sehr gerne, und ich habe zu danken.

Was ich den Lesern sagen möchte? Vielleicht dies: Lesen hilft in allen Lebenslagen. Lesen bildet, vertreibt die Angst, hilft bei Schlaflosigkeit, tröstet bei Liebeskummer, erheitert uns, wenn wir traurig sind, entführt uns in fremde Welten, lässt uns andere Menschen, ihre Schicksale und Lebensart kennen lernen. Lesen ist lebensnotwendig und wunderbar!


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