Interview mit Regina Schleheck

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :) 

Ich freue mich über dein Interesse, liebe Bianca, und das deiner Leser.

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Vielleicht etwas, was ich am häufigsten zurückgemeldet bekomme, wenn man mich kennt und meine Geschichten kennenlernt: Viele Menschen können das nicht zusammenbringen, sehen in mir eine freundliche kleine unscheinbare Person - und sind schockiert, wenn sie meine Texte lesen oder hören. Ich denke, es ist gar nicht mal so, dass ich so drastisch schreibe. Ich bin nicht sonderlich explizit. Stattdessen lasse ich dem Leser Leerstellen, die er mit seinen eigenen Phantasien füllen kann. Ich denke, es ist eher so, dass ich ihm die Möglichkeit gebe, einen Blick in die eigenen Abgründe zu werfen. Die nachhaltigste Leseerfahrung.

Seit wann schreibst du? 

1999 habe ich meine erste Kurzgeschichte verfasst. Eher zufällig, ich wollte eins meiner Kinder animieren, an einem Schreibwettbewerb teilzunehmen, von dem ich in der Zeitung gelesen hatte. Er sagte: "Mach doch selber, wenn du meinst, dass das so einfach ist."

Nun denn. Ich habe mich immer bemüht eine gute Mutter zu sein. 

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen? 

Ich hatte das Glück, dass ich nicht nur bei diesem ersten Wettbewerb, sondern bei den meisten, an denen ich mich in der Folge beteiligte, ausgezeichnet, mindestens nominiert wurde. Das zog automatisch erste Veröffentlichungen nach sich. Für das erste Buch kam schließlich ein Verleger auf mich zu.

Eine komfortable Situation.

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst?  

Ich habe mich lange damit schwergetan, das Schreiben eher als einen Spaß verstanden. Betreibe es nach wie vor nebenberuflich, weil ich meine Familie ohne festen Beruf nicht ernähren könnte.

Aber im Grunde ist es ein Traum, der seit meiner frühesten Jugend in mir geschlummert hat. Ich habe als Kind schon Bücher gefressen. Unmengen, bei jeder Gelegenheit. Später habe ich Literaturwissenschaften studiert. Dann zwanzig Jahre vorgelesen. Bei fünf Kindern kommt da einiges zusammen.

Der Plan war ursprünglich einmal, dass ich Journalistin werden wollte. Da hat mir die erste Schwangerschaft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Damals gab es noch keine Computer. Die Arbeit in einer Redaktion wäre mit einem Kind nicht vereinbar gewesen. Heute freue ich mich darauf, dass ich irgendwann einmal in den Ruhestand gehe, um mit dem Schreiben richtig loslegen zu können.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Da meine Domäne die Kurzprosa ist, bin ich in mehreren hundert Anthologien vertreten. Unter meinen Einzeltiteln dominieren ebenfalls die Short Storys. Drei Bände mit tollen AutorInnen habe ich selbst herausgegeben, zwei im ViaTerra Verlag mit den Titeln "Mordsmütter" und "Sonne, Mord und Ferne", zuletzt Anfang dieses Jahres "Sonne, Mord und Meer" in "Der Kleine Buch Verlag". Dort war im letzten Jahr bereits "Klappe zu - Balg tot" erschienen, ein Band mit bitterbösen Kurzgeschichten von mir. In dritter Auflage übrigens - in dem dritten Verlag. Im Herbst werde ich in "Der Kleine Buch Verlag" unter dem Titel "Letale Lösungen" einen weiteren Krimikurzgeschichtenband veröffentlichen.

Ein Band mit vielen ausgezeichneten Phantastischen und Science-Fiction-Geschichten, "Basilikumdrache und Schöpfungskrönchen", hat der iFuB Verlag im Mai 2016 herausgebracht. In der Phantastik war ich lange sehr gerne unterwegs. Unter anderem habe ich für die Science-Fiction-Hörspielreihe "Mark Brandis" zwei Hörspiele verfasst und den Deutschen Phantastikpreis erhalten.

Aber nach einigen Krimi-Auszeichnungen - unter anderem dem Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi - bin ich heute im Genre Krimi viel bekannter. Der Gmeiner Verlag bringt im Juli 2016 einen kriminellen Führer zu meiner Heimatstadt heraus: "Wer mordet schon in Köln? 11 Kurzkrimis und 125 Sehenswürdigkeiten". Ebenfalls bei Gmeiner erscheint im August 2016 mein Roman: "Jürgen Bartsch - Der Kirmesmörder". Hochaktuell übrigens: Am 22. April 2016, vor fünfzig Jahren wurde er verhaftet. Nachdem er vier Jungen bestialisch ermordet hatte. Bei dem ersten Mord war er selbst erst fünzehn Jahre alt gewesen. Ich finde es hochspannend, so einer Entwicklung nachzugehen.

Außerdem wird in diesem Jahr noch ein Hörbuch mit Phantastischen Geschichten auf den Markt kommen, die ich zum Teil selbst einlesen darf. Viele Titel also, über die und auf die ich mich sehr freue.

Hast du für deine Bücher recherchiert? 

Was sonst? Natürlich muss man recherchieren. Das ist Handwerkszeug. Aber natürlich gibt es Geschichten, für die man mehr, andere, für die man weniger recherchieren muss. Grundsätzlich ist es ein Teil des Jobs - die Geschichte soll ja authentisch rüberkommen -, und durchaus ein ungemein reizvoller Aspekt. Man kann interessantes Neues lernen dabei, viele spannende Gespräche führen, Ich liebe es fast so sehr wie das Schreiben selbst. Oder das Lesen. Ich liebe Lesungen, den unmittelbaren Kontakt mit Menschen, für die ich die Geschichten doch schreibe.

Wo schreibst du am liebsten?

Ich könnte vieles darauf antworten. Grundsätzlich am Rechner, klar, alles andere wäre sehr mühsam. Dann natürlich gerne in einem Umkreis, der mir erlaubt, dass ich nicht dauernd abgelenkt werde. In den letzten Jahren habe ich wiederholt mit einigen meiner Kolleginnen aus dem Netzwerk "Mörderische Schwestern" Schreibwochenenden oder -urlaube gemacht. Das war einfach großartig. Auch in diesem Sommer fahre ich wieder mit vier "Mörderischen Schwestern" nach Schweden, wo wir ein traumhaftes Bullerbü-Haus bewohnen und die Tage und Nächte mit Schreiben, Quatschen, Natur und Es-uns-gut-gehn-Lassen verbringen werden. Die beste Zeit des Jahres.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Nein, weil meine Schreibzeit immer begrenzt ist. Ich muss sehen, wo ich eine Lücke finde. Da kann ich mich mit bestimmten Ritualen nicht aufhalten. Oft ist es spätabends. Dann steht gern ein Glas Wein neben dem Rechner. Schreiben ist für mich Genusszeit. Dabei geht es mir gut und ich lasse es mir gutgehn.

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst? 

Nein. Natürlich gibt es vieles, was ansteht, aber was größere Projekte angeht, im Moment nichts Druckreifes. Dieses Jahr ist nun schon bis zum Anschlag voll. Ich habe aufgrund der vielen Neuerscheinungen eine Fülle an Leseterminen, da müssen umfänglichere Vorhaben zunächst zurückstehen. Es geht auf jeden Fall weiter, das steht fest.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat? 

Oh je. Unendlich viele. Ich habe alles gelesen, was sich nicht gewehrt hat, von Schundliteratur bis zu richtig harten Brocken - auch unter Germanistikstudenten. Alles hat mich bereichert und letzten Endes natürlich auch beeinflusst. Man kennt so viele Spielarten, Töne, Herangehensweisen - und es bereitet mir immer wieder ein riesiges Vergnügen, damit zu spielen, neue Möglichkeiten zu entwickeln. Ich finde nichts langweiliger, als nach Strickmustern zu schreiben. Natürlich schmeichelt es ein wenig, wenn man mit tollen Autoren verglichen wird, aber ich habe doch den Ehrgeiz, eine eigene Stimme zu entwickeln, das auch gerne immer wieder neu. Von der groben Richtung her ist mir der magische Realismus vielleicht am nächsten. Ich bin im Grunde ganz im Hier und Jetzt verortet. Mich bewegen reale menschliche, psychische, soziale, politische, aktuelle Probleme. Aber es darf auch gerne ein kleiner surrealer Aspekt einfließen, der der Geschichte einen besonderen Krawumm gibt. 

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren? 

Habe ich die Frage nicht gerade schon beantwortet? Wenn ich beginne Namen zu nennen, höre ich nicht mehr auf. Die nächsten Tage werden mir hundert weitere einfallen und ich werde fluchen und bereuen, nicht an sie gedacht zu haben. Das fängt schon bei Kinderbüchern an. Die mich wie so vieles zigfach im Leben beglückt haben. Nein, ach was, das Fass mache ich gar nicht erst auf!

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Was ist Freizeit? Schreiben, was sonst! Gut, das wissen wir ja schon. Was noch? Ich reise gern, bin früher weit herumgekommen, war monatelang in Indien, in der damaligen UdSSR, Israel, Kanada ... Heute komme ich auf Lesungen viel herum, aber der Radius ist natürlich kleiner. Ich bewege mich gern, habe unter anderem mal Sport studiert ... Ich liebe die Natur, die Kultur, gehe ins Theater, zu Lesungen, Konzerten, Ausstellungen ... Bin sehr gerne mit Menschen zusammen, zu Gesprächen, Arbeitstreffen, gemeinsamen Unternehmungen ... Ich liebe meine Familie, meine Kinder sind über ganz Europa verstreut, im Sommer will ich unbedingt wieder zu meiner Tochter nach London ... Wenn der Tag nur dreimal so lang wäre! Das Jahr dreifach währte! Das Leben ist endlich. Ich fürchte, Langeweile müsste für mich noch erfunden werden.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest? 

Nun, alles, was ich unter dem Aspekt Freizeit genannt habe, würde ich gerne (wieder) ausbauen oder aufnehmen können. Ein grundlegender Umbruch steht vermutlich bald an: Ich bin in einer kinderreichen Familie aufgewachsen, habe danach immer in WGs gewohnt, dann eine große Familie gegründet. Mein Haus war immer voller Leben, Freunde, Gäste, Zufluchtsuchende. Nun sind meine Kinder in dem Alter, dass sie nach und nach ausgezogen sind. Einer lebt noch bei mir. Ich muss mir allmählich Gedanken machen, was passiert, wenn der auszieht. Dann bin ich ganz allein. Zum ersten Mal im Leben. Ich beginne von Lebens- und Arbeitsgemeinschaften zu träumen. Andere AutorInnen, mit denen man eine Art WG aufmacht. Kein konkreter Gedanke, aber eine Idee, die mir immer öfter kommt, wenn ich mir vorstelle, dass mein Haus sich weiter leeren könnte.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern? 

Super wichtig. Ich denke, ich habe auch aus der Vorlesezeit mit meinen Kindern sehr viel mitgenommen. Natürlich gibt es solche und solche Leser. Aber es ist doch gut, auch das Spektrum zu kennen. Schreiben ist ja im Grunde eine einseitige Kommunikation. Wir wollen doch mit dem Leser in ein Gespräch treten, wenn wir ihm eine Geschichte erzählen, wollen doch erfahren, was es mit ihm macht, wie sich das anfühlt für ihn. Wenn in Lesungen laut gelacht wird, ja, auch wenn manchmal geweint wird oder wenn am Ende der Applaus eine Weile braucht, weil die Zuhörer noch ganz benommen sind von dem, was sie gerade gehört haben - zumal wenn es nicht gut ausgeht, dann ist das doch eine wertvolle Rückmeldung, um zu sehen, ob etwas funktioniert hat. Und wie es bei dem einen oder anderen funktioniert. Gerade bei Kurzgeschichten ist eine Rezension ja eher selten, die auf einzelne Geschichten eingeht, da kommt oft der Pralinenvergleich: Hat mir gut gefallen, interessante Mischung, auch wenn mir persönlich nicht alle so zusagen, sind doch für jeden welche dabei - blabla. Selbst wenn man eine Auszeichnung bekommt, gehen die Laudatoren oft gar nicht so spezifisch auf den Text ein, da wird gratuliert, die Urkunde überreicht, fertig. Bei Lesungen kommen immer wieder total interessante Gespräche zustande, die sich gar nicht mal nur um die Texte drehen müssen, oft geht es eher um das Problem, das da geschildert wurde. Ich erfahre viel von den Lesern, von ihren Ängsten, ihrem Kummer und natürlich auch von ihrer Begeisterung. Für mich ein schönes Dankeschön. Ich liebe das. 

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen? 

Bücher sind keine Flucht aus der Wirklichkeit. Lesen ist gelebte Zeit. Eine gute Geschichte regt dazu an euer Leben zu überdenken und ermutigt dazu es zu gestalten. Träumt! Und: Realisiert eure Träume!


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