Interview mit Jürgen Seibold

© Stefanie de Buhr

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Da gibt‘s nicht so viel Spannendes – zum Glück eigentlich, denn am spannendsten sind ja immer die schlimmen Biografien. Deshalb hier vielleicht nur kurz die Eckdaten: Jahrgang 1960, gelernter Journalist, angelernter Grafiker und Internet-Programmierer, Frau, zwei Kinder, Katze, altes Auto.

Seit wann schreibst du?

Ich schreibe schon mein ganzes Berufsleben lang, wenn zunächst auch nur Artikel, Reportagen und Kritiken. Meine ersten Bücher waren Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre Musikerbiografien, eine über die Kelly Family hat es sogar in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Mein erster Roman „Endlich ist er tot“ – ein Regionalkrimi aus der Stuttgarter Gegend – ist 2007 erschienen.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Als freier Journalist habe ich für einige Zeitungen und Magazine wie Stern und Audio vor allem über Musik geschrieben. Als der Moewig-Verlag damit begonnen hat, Musikerbiografien als bebilderte Taschenbücher im DIN A4-Format zu veröffentlichen, war das genau meine Richtung – also habe ich mit denen Kontakt aufgenommen, und dann ging‘s auch schon los. Aber nach einigen Jahren wurde das Quellenverzeichnis dieser Biografien immer aufwändiger und länger – und ich stellte es mir angenehmer vor, Erfundenes zu schreiben, als immer mehr Fakten und Zitate belegen zu müssen. Also habe ich mich an einen Thriller gesetzt, der aber noch immer halb fertig in der Schublade liegt. Irgendwann begann der Silberburg-Verlag in Tübingen damit, Regionalkrimis zu veröffentlichen – wieder habe ich angerufen, wir haben uns getroffen und gut verstanden, und danach ist dann mein erster Krimi für Silberburg entstanden.

Ab wann wusstest du, dass du Autor werden willst?

Geschichten habe ich mir schon als Kind ausgedacht, ein paar auch aufgeschrieben, aber als Berufswunsch ist das erst vor zehn, elf Jahren konkret geworden.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Den historischen Roman „Der Arme Konrad“, der in den Jahren um 1500 spielt, und drei Liebeskomödien – vor allem aber Krimis, die allerdings zwischendurch gern auch lustig sein dürfen. Für den Silberburg-Verlag denke ich mir Fälle für Kommissar Lindner aus, einen guten, aber wehleidigen Ermittler des Landeskriminalamts Baden-Württemberg, der sich immer um ganz besonders schräge Fälle kümmern muss. Eine zweite Serie dreht sich um den Bestatter Gottfried Froelich, der hobbymäßig ermittelt, gerne isst und gut Klavier spielt – durchaus auch mal im Kühlraum seines Instituts. Und Piper veröffentlicht seit 2013 Allgäukrimis von mir. Deren Hauptfigur ist Kommissar Hansen, der sich von Hannover nach Kempten beworben hat, dort das K1 leitet, das unter anderem für Mord und Totschlag zuständig ist – und der im Allgäu gute und andere Kollegen vorgefunden und sich in die Rechtsmedizinerin Resi verliebt hat. Richtig Kummer macht ihm eigentlich nur sein Mitbewohner: Der Kater Ignaz sieht nicht recht ein, warum er „sein“ Bauernhaus mit diesem dahergelaufenen Zweibeiner teilen soll …

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Ja, klar. Ich besuche und fotografiere alle Schauplätze und natürlich auch die Orte, an die ich mir was hinerfinde. Gerade das Zuhause eines Mörders sollte es ja vielleicht in Wirklichkeit eher nicht geben … wer mag denn da dann schon noch wohnen? Ich möchte wissen, wie die Zuständigkeiten von Polizei und Rechtsmedizin in Wirklichkeit sind, Dienstränge und Wegbeschreibungen sollten stimmen, auch so Kleinkram wie die Farbe von Absperrbändern oder die technische Ausstattung eines Leichenwagens. Das ist wahrscheinlich ein Berufsdefekt aus meiner Journalistenzeit. Aber es macht halt auch Spaß, Themen zu recherchieren – einige aktuelle Romanfiguren spielen zum Beispiel regelmäßig Schafkopf. Ich kannte bisher nur Gaigel und Binokel, da hab ich halt auch noch ein bisschen Schafkopfen gelernt. Und manchmal, wenn ein paar Sätze in einem Dialekt gesprochen werden, der nicht meiner ist, fahr ich da am Ende noch mal hin und frag die Leute, wie man das richtig ausspricht – da haben sich vor allem im Allgäu schon manche Stammtischler ordentlich über mich kaputtgelacht.

Wo schreibst du am liebsten?

Ganz herkömmlich an meinem Schreibtisch. Da habe ich übers Internet ständig Zugriff zu Informationen, wenn ich sie brauche. Ich kann mir Fotos auf den Monitor holen, die ich an den Schauplätzen gemacht habe. Ich kann kurz jemanden anrufen, um nachzufragen. Und ich glaube, ich brauche auch das vertraute Drumherum. Eigentlich blöd, oder? Denn gerade bei schönem Wetter wäre es sicher auch super, irgendwo im Grünen zu sitzen und mir meine Geschichten dort auszudenken.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Ich versuche für ein paar Stunden, alles andere auszublenden – was mal besser und mal schlechter gelingt. Und dann hat jede meiner Serien eine feste Begleitmusik: eine CD, die ich mir wieder und wieder anhöre, während ich das Buch schreibe oder bearbeite. Das ist wie bei Pawlows Hund: Wenn die Glocke läutet, läuft dem das Wasser im Maul zusammen. Und wenn bei mir Aerosmith im Player steckt, tauche ich in Kommissar Hansens Allgäuer Welt ein. Aber frag mich bitte nicht, warum ausgerechnet Aerosmith – Hansen mag die vermutlich gar nicht so sehr.

Hast du ein neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Mit den Buchprojekten ist das immer so eine Sache. Da gibt‘s lange vorher Verträge, es steht lange vorher fest, was das Thema sein wird – aber drüber reden mag ich nicht so gerne, bevor nicht alles auf dem Weg ist. Aber ich denke mir auch immer neue Formate für meine Lesungen aus. Da hat mein „Ohrenkino“ am 11. November auf einer Burg bei Stuttgart Premiere: Ich lese aus meinem neuen Bestatter-Froelich-Krimi, erzähle allerlei drumherum – und ein Geräuschemacher von der Filmakademie sorgt live für die Tonspur. Hinterher spielen und singen wir noch ein paar Songs, die mit dem Krimi zu tun haben, auch zwei, drei eigene von mir. Darauf freue ich mich sehr.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Sicher nicht den einen oder die eine – aber natürlich saugt man alles auf, was man so liest, und wird davon unbewusst auch beeinflusst. Ab und zu stoße ich auf eine Erzähltechnik, die ich toll finde, oder auf besonders schöne Dialoge. Aber dann freu ich mich drüber und fertig. Nachahmen wollen würde ich das nicht, das wäre doch bloß die Kopie von etwas Gutem.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Früher habe ich sehr gern Philipp Vandenberg gelesen, der hat einige Thriller geschrieben wie später Dan Brown. Oder „Das elfte Gebot“ von Jeffrey Archer, den „Grals-Zyklus“ von Peter Berling, „Herr der Ringe“ – ach, da gibt‘s so viele tolle Bücher. Allein unter den Krimis! Die wunderbar sparsam gezeichneten Beschreibungen in den Maigret-Romanen von Georges Simenon zum Beispiel: Der skizziert in einem Satz, wofür ich manchmal eine halbe Seite brauche. Oder die Dialoge in den Thomas-Pitt-Krimis von Anne Perry – da muss ich manchmal schallend lachen, so pfiffig sind die.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Zeit verbringen mit Familie und Freunden, raus in die Natur – also immer ein Gegenprogramm zum stillen Nachdenken und konzentrierten Arbeiten für mich allein am Schreibtisch. Auch Musik mache ich sehr gerne, aber das verderbe ich mir gerade als Hobby … weil ich immer häufiger auch die Gitarre zu Lesungen mitbringe und die Musik etwas mehr zu einem Teil meines Berufs mache. Na ja, selber schuld ;-)

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Du meinst: abgesehen davon, glücklich und gesund zusammen mit allen um mich herum steinalt zu werden? Musik würde ich gerne noch etwas intensiver machen, ein paar Reisen könnte ich mir gut vorstellen – aber eigentlich kann ich ganz zufrieden sein. Man soll‘s ja auch nicht übertreiben mit den Wünschen, nicht wahr?

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Sehr wichtig, und ich genieße das gerade bei Lesungen, dass man da den direkten Kontakt hat. Klar, da sagt niemand was Böses, sonst wäre er oder sie wohl erst gar nicht gekommen. Aber wenn du spürst, dass du die Leute vor dir mitreißt, dass sie sich amüsieren und du ihnen einen schönen Abend bereitet hast: Das ist schon toll.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Lasst es euch gut gehen, lest weiterhin mordsbuch.net – und, wenn sich‘s einrichten lässt, gerne auch meine Bücher. Vielleicht sieht man sich ja mal auf einer Lesung. Bis dahin: Bleibt gesund und interessiert!


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