Buchvorstellung: Die Coburger Juden - Geschichte und Schicksal - Hubert Fromm

Die Coburger Juden - Geschichte und Schicksal

Hubert Fromm

Gebundene Ausgabe

391 Seiten

ISBN-13: 978-3980800600

Verlag: Initiative Stadtmuseum Coburg

Erschienen: 1. Oktober 2001

EUR 38,00

 

Coburg mit derzeit ca. 41.000 Einw. ist e. kreisfreie Stadt im bayer. Regierungsbezirk Oberfranken – ca. 40 Kilometer nördlich von Bamberg gelegen. Vom 17. Jahrhundert bis 1918 war Coburg die Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Coburg. 

Bereits im Laufe d. 13.Jhds. müssen sich Juden i.d. Coburger Region angesiedelt haben. Bis Mitte des 14.Jhds. entwickelte sich i. Coburg eine größere jüd. Gemeinde; darauf verweisen Straßen- bzw. Ortsbezeichnungen a.d. Zeit wie „Judentor“, „Judengasse“, „Judenschule“ und „Judenberg“. Ob die Coburger Juden v.d. Pestpogromen betroffen waren, kann wg. fehlender histor. Quellen nicht belegt werden. Coburgs mittelalterliche Synagoge wird erstm. 1393 erwähnt; sie stand nahe d. Judentor a.d. Stadtmauer; vermutlich soll sich in unmittelbarer Nähe auch e. Mikwe befunden haben; ebenfalls war damals e. Friedhof im Westen der Stadt vorhanden. Gegen Mitte des 15.Jahrhunderts löste sich jüdische Gemeinde in Coburg auf; die Juden wurden auf Befehl des Herzogs Wilhelm von Sachsen 1447 vertrieben; die Synagoge wurde zu einer Kirche umfunktioniert und das um 1410/1420 angelegte Friedhofsareal eingeebnet. 1490 wurde das Niederlassungsverbot für Juden in Coburg nochmals erneuert. 

Erst im 19.Jahrhundert ließen sich wieder vereinzelt Juden im nahen Umland von Coburg nieder. Der Magistrat der Stadt Coburg hatte bis dahin erfolgreich versucht, Juden von der Stadt fernzuhalten, um lästige Konkurrenz nicht groß werden zu lassen; dabei wurden die verschiedensten Argumente, oft auch antisemitische Klischees gegen eine jüdische Ansiedlung geltend gemacht; so hieß es z.B. in einem Schreiben von 1804: „ ... Denn es ist Tatsache: Daß da, wo die Juden Handel treiben, suchen sie das Publikum nicht mit tauglichen, ja kaum mit mittelmäßigen Waren zu versorgen; das Meiste, womit sie handeln, ist auf Trug und Schein eingerichtet. Was Manufakturisten und Fabrikanten nirgends abzusetzen vermögen, nimmt ihnen der Jude ab und betrügt damit die ersten Besten aus der bürgerlichen Gesellschaft. Das Gesagte wird dem Juden umso leichter, da diesen eine gewisse Zudringlichkeit zur zweiten Natur geworden ist, womit er viele zu Käufen zu nötigen vermag, eine Zudringlichkeit, die er überdies noch hinter lauter Überredungen und Anlockungen zu verstecken versteht. ...“ (aus: Hubert Fromm, Die Coburger Juden - Geschichte und Schicksal, S. 165) 

Daneben berief sich der Coburger Magistrat auch auf das Siedlungsverbot von Juden in Coburg aus dem 15.Jahrhundert. Der regierende Herzog setzte sich aber in Einzelfällen gegen den Coburger Magistrat durch und gestattete wenigen Juden die Ansiedlung in der Stadt. 1872/1873 wurde die „Israelitische Religionsgenossenschaft“ in Coburg begründet. 

Verstorbene Coburger Juden wurden zunächst auf den Friedhöfen in Autenhausen bzw. Untermerzbach begraben. Nach dem Erwerb eines Friedhofsgeländes auf dem Glockenberg u.d. Umwandlung der Nikolauskapelle in eine Synagoge 1873 verfügte die neue Kultusgemeinde dann auch über die notwendigen religiösen Einrichtungen. Ab Anfang d. 1870er Jahre stellte die Gemeinde e. Lehrer an, der auch als Vorbeter und Schächter tätig war. Die von Anhänger des „Deutsch-Völk. Schutz- u. Trutzbundes” verbreitete antisemitische Propaganda fiel in Coburg schon in der Anfangszeit der Weimarer Republik auf fruchtbaren Boden; so wurde in der Stadt Coburg 1919 eine Ortsgruppe gegründet, die zeitweise mehr als 400 Mitglieder zählte. Die „Coburger Zeitung” galt als Sprachrohr der antisemit. Hetze. Größere Veranstaltungen der NSDAP fanden schon vor 1923 enormen Zulauf; Coburg wurde e.d. Hochburgen der Nationalsozialisten und war 1929 eine der ersten Städte, die v.e. NSDAP-Bürgerm. regiert wurden. 

(Anm.: Im Febr. 1932 verlieh Coburg als erste dt. Stadt Adolf Hitler die Ehrenbürgerrechte. Ab 1939 durfte Coburg die Ehrenbez. „Erste nationalsoz. Stadt Deutschlands“ führen!) 

Jüdische Einwohner wurden schon 1929/1930 mehrfach auf den Straßen belästigt und tätlich angegriffen. Bereits zwei Jahre vor der NS-Machtübernahme wurden die Coburger Bürger zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen; diese antisemitische Kampagne führte die „Coburger National-Zeitung” an. Das NS-Presseorgan wurde von einigen jüdischen Geschäftsleuten verklagt, musste eine geringe Geldstrafe zahlen und sich verpflichten, künftig weitere Boykottaufrufe zu unterlassen. Zu gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Häuser kam es nach einer NSDAP-Großkundgebung im November 1932. Im März 1933 kam es zu den ersten Verhaftungen, um die „letzten Schlupfwinkel auszuräuchern und die letzten Schädlinge unschädlich zu machen”. Unter den Verhafteten waren auch prominente jüdische Einwohner. Die Synagoge wurde auf polizeiliche Anordnung Mitte März geschlossen; gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden bis November 1938 im Privathause des Predigers Hermann Hirsch in der Hohen Straße statt. Am reichsweiten Boykotttag am 1.4.1933 besetzten SA-Angehörige alle Eingänge zu jüdischen Geschäftshäusern und brachten Plakate mit antijüdischen Parolen an. Eine große Menschenmenge versammelte sich vormittags auf dem Coburger Marktplatz. In einer Ansprache wandten sich NSDAP-Funktionäre an die Massen, wie die „Coburger National-Zeitung” berichtete: 

Vom Balkon des Rathauses aus sprachen zu der gespannt lauschenden Menschenmenge Rechtsanwalt Pg. Schmidt und 2.Bürgermeister Pg. Faber. Beide hoben in ihren Ausführungen die Notwendigkeit unseres Kampfes gegen die Greuelpropaganda hervor, der diszipliniert, aber rücksichtslos gegen Juden und Judenschützlinge geführt würde. Zwischenrufe wie ‘Juden aufhängen !’ kennzeichneten die Stimmung im deutschen Volke, das sich nicht mehr länger von den fremdrassigen Hetzern, Schiebern und Schacherern knechten lassen will. ...” 

Nachmittägliche Demonstrationszüge durch die Stadt beendeten den Boykotttag. - Ab Sommer 1933 wurde Juden der Zutritt zum städtischen Schwimmbad und der Besuch v. Theatern und anderen Vergnügungsstätten verboten - lange bevor derartige Maßnahmen in anderen Städten eingeführt wurden. Ab 1935 verschärfte sich die wirtschaftl. Situation der jüd. Geschäftsleute zusehends. Im Aug. 1935 drohte d. Oberbürgermeister den kommunalen Beamten und Angestellten mit sofort. Entlassung, sollten sie weiterhin geschäftlichen oder gesellschaftlichen Kontakt zu Juden haben. Zwischen 1933 bis September 1938 verließen ca. 110 Coburger Juden die Stadt; die meisten emigrierten, der andere Teil verzog in andere Städte. 

In den Morgenstunden des 10.Nov.1938 wurden die Juden Coburgs von SA-Trupps zusammengetrieben und durch die Stadt geführt; während Frauen und Kinder und alte Männer wieder nach Hause gehen durften, wurden die übrigen in der Turnhalle „Am Anger“ festgehalten. Von hier wurden sie schließlich ins Gefängnis nach Hof gebracht, wo sie mehrere Wochen in Haft blieben. Auch Wohnungen u. Geschäfte d. Coburger Juden wurden demoliert, ebenfalls ihre Betstube in der Privatwohnung des Predigers Hirsch. Als die jüd. Bewohner durch die „Arisierungen“ vollends ihre Lebensgrundlagen verloren hatten, verließen weitere ihre Heimatstadt. 

Die wenigen noch in Coburg zurückgebliebenen Juden wurden in zwei „Judenhäuser“ eingewiesen, wo sie bis zu ihrer Deportation nach Riga, Izbica/Lublin oder Theresienstadt lebten; zudem wurden sie in der Umgebung zu Zwangsarbeiten eingesetzt. Ende November 1941 wurden 26 Mitglieder der Coburger Gemeinde - via Nürnberg - ins Lager Jungfernhof (bei Riga) deportiert; die noch verbliebenen verschleppte man im Laufe des Jahres 1942. Im Nov. 1942 meldeten die Kommunalbeh. Coburg als „judenrein”; nur vier „in Mischehe“ verheiratete Jüdinnen überlebten in Coburg die NS-Zeit. Fast 50 Coburger Juden wurden Opfer des Holocaust. Die in den unmittelbaren Nachkriegsjahren in Coburg lebenden jüdischen DPs bildeten eine kleine Gemeinde, die sich aber bald wieder auflöste, nachdem ihre Angehörigen emigr. waren. A.d. jüd. Vergangenheit Coburgs zeugen heute noch die Judengasse u.d. Judentor. Über dem Eingangsportal der Nikolauskapelle weist eine 1989 angebrachte Inschrift auf die einstige Nutzung als Synagoge.


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