Interview mit Nora Bendzko

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :) 

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Gern doch! Gestatten, Nora Bendzko: 22 Jahre jung und Autorin und Sängerin der dunkelschönen Seite.

Ich schreibe in allen Genres der etwas düstereren Fantastik - zwischen Dark Fantasy und dystopischem Sciencefiction ist alles dabei - und singe vornehmlich, aber nicht ausschließlich, im Metal-Bereich. Derzeit bin ich Sängerin von zwei Bands in Wien, von der Progressive Rock/ Metal Band Avem und von der Heavy Metal Band Nightmarcher.

Daneben studiere ich Deutsche Philologie an der Universität Wien und habe das Glück, mich nebenberuflich schon in meinem Traumjob verdingen zu dürfen: Lektorin!

Seit wann schreibst du? 

Eigentlich seit ich Schreiben in der Schule gelernt habe. Schon durch die Grundschule weg habe ich erste Gedichte und Kurzgeschichten verfasst. Leider habe ich vieles davon nicht behalten oder verloren, was ich wahnsinnig bedaure.

Das regelmäßige Schreiben und Sichern meiner Texte habe ich ab 14 Jahren begonnen. Zu dieser Zeit entstand auch der Versuch eines ersten ungeheuerlichen Fantasy-Romans, über den ich heute Tränen der Scham weine, wann immer ich in ihn hineinlese *lach*

Trotzdem verdanke ich diesem Machwerk sehr viel. Wie mir seine Profanität nach 300 Seiten Geschreibsel bewusst wurde, fing ich ein komplett neues Manuskript an, die "Schwarz Galerie". Sie war der erste Roman, den ich jemals fertig gebracht habe, und mein erstes dunkelfantastisches Projekt, das den Weg für die Texte ebnete, die ich heute schreibe.

Wie bist du zum Bücherschreiben gekommen? 

Mir kam eine Idee, ich habe einen Stift genommen und angefangen. Das ist das ganze Geheimnis.

Nun gut, man kann das Geheimnis noch um eine frühkindliche Erfahrung erweitern, wenn man mag: Ich erinnere mich lebhaft daran, wie gerne ich es hatte, wenn mein Vater mir und meinen Geschwistern Märchen, Sagen und Legenden vorlas. Besonders eingebrannt hat sich in mir der Moment, da er mit uns "Herr der Ringe" begonnen hat - ich glaube, das war der Augenblick, da ich mein Herz an Bücher verloren habe.

Warum, kann ich nicht sagen. Da war einfach etwas, das mich ungemein berührte, das ich als Kind wie eine Art Magie empfand. Und da ich diese Magie nie verlieren wollte, bewahrte ich sie für mich auf, in meinem eigenen Schreiben.

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst?  

Das ist so lange her, dass ich mich kaum daran erinnere. Als mich meine Lehrerin in der Grundschule fragte, was ich werden will, habe ich auf jeden Fall: "Autorin!" geantwortet. Wir wissen ja, wie das mit Berufswünschen bei Kindern ist. Der eine will Feuerwehrmann werden, der andere Polizist, der nächste Astronaut. Und am Ende wird jeder etwas ganz anderes und erinnert sich niemals daran, was er mit sieben Jahren einmal gesagt hat. Mich hat trotzdem nie der Kindheitswunsch verlassen, Autorin werden zu wollen - wer weiß, warum!

 Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Neben Kurzgeschichten in mehreren Anthologien gibt es da meine Novelle "Wolfssucht". Sie ist der erste Band meiner "Galgenmärchen"-Reihe. Galgenmärchen sind dunkelfantastische Thriller-Adaptionen von Märchen der Brüder Grimm, die zur Zeit des 30-jährigen Krieges spielen. Im Fall von "Wolfssucht" handelt es sich um eine "Rotkäppchen"-Adaptionen, die Kriegsgräuel und Familienverlust behandelt.

Hast du für deine Bücher recherchiert? 

Aber ja! Für die Galgenmärchen ist das unabdinglich, denn natürlich war zum 30-jährigen Krieg vieles anders als heute.

Außerdem recherchiere ich immer von dem jeweiligen Märchen, das ich adaptiere, die Entstehungsgeschichte. Die meisten Märchen der Brüder Grimm sind nämlich keine Originale, sondern selbst Adaptionen, denen manchmal unzählige Sagen, Legenden und Archetypen vorausgehen.

Das französische "Rotkäppchen" zum Beispiel, "Le Petit Chaperon Rouge", macht ziemlich deutlich, dass der "Wolf" im Märchen eigentlich eine Metapher für einen Vergewaltiger ist. 

Solche Details herauszufinden und zu einem neuen Puzzle in meinen Adaptionen zusammenzusetzen, macht mir ungemein Spaß.

Wo schreibst du am liebsten?

Das mag unromantisch klingen, ist aber wahr: Auf dem Sofa. Danach im Bett. Manche Schriftsteller behaupten, dass ein Text ja nichts werden kann, wenn man nicht an einem ordentlichen Schreibtisch dafür arbeitet. Aber ich bin eben am kreativsten, wenn ich entspannt bin - und das geht, gemütlicher Mensch, der ich bin, auf dem Sofa oder im Bett am Besten.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Oje, was muss ich mir unter "Ritual" vorstellen? Zehn Minuten Yoga vor dem Schreiben? Oder Einstimmung mit Musik? Nein, tatsächlich habe ich nicht so ein Ritual. Ich stimme mich niemals vor dem Schreiben ein, die Stimmung ist einfach von Anfang an da oder auch nicht - da bin ich einfach gestrickt. Außerdem: Wenn man schreibsüchtig ist, möchte man umgehend dem Schreiben frönen und sich nicht von Ritualen aufhalten lassen ;-)

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst? 

Ja! Gerade arbeite ich an meinem neuen Galgenmärchen "Kindsräuber". Es wird eine Adaption von "Rumpelstilzchen", mit Geisterbegegnungen und Kindesentführung. Anders als "Wolfssucht" wird es keine Novelle, sondern ein Roman. Ich hoffe, es schon Frühling 2017 veröffentlichen zu können. Außerdem arbeite ich an einem High-Fantasy-Epos,"Die Schönheit des Biests", das maßgeblich von dem Album "Century Child" der Band Nightwish beeinflusst ist. 2017 werde ich mich diesbezüglich auf Verlagssuche machen.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat? 

Nicht nur einen. Aber wenn ich mir einen ganz besonderen herauspicken müsste, wäre es Edgar Allan Poe.

Bevor ich die gesamte Bibliografie dieses Mannes gelesen habe, dachte ich, im Tolkien'schen High Fantasy zu Hause zu sein, obwohl mir viele Titel dieses Genres als generisch erschienen. Dann hat mir Poe mit seinen dunkelromantischen Geschichten eine ganz neue Welt eröffnet.

Was mich besonders an seinen Texten fasziniert, ist, dass man sie nur als Unterhaltungsgeschichten lesen kann, gleichzeitig aber auch eine bestechend ausgefeilte Technik und tiefgründige Aussagen findet, wenn man danach sucht. Sie lassen sich so gar nicht in die beiden deutschen Extreme von "trivialer" und "intellektueller" Literatur einordnen. Außerdem sind sie ungemein kreativ und psychologisch tiefgehend.

Mich hat das insoweit beeinflusst, dass ich auch versuche, auf meine Technik zu achten, und sprachlich und inhaltlich für mich Neues wagen möchte. Daher bin ich ins Studium der Deutschen Philologie gegangen.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren? 

Das eigene Idol ist oft auch der eigene Lieblingsautor, oder? Ich muss also wieder Edgar Allan Poe nennen. Aber ich nenne noch ein paar weitere Lieblingsautoren und -bücher, wenn wir schon dabei sind: "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" von Walter Moers, "Hyperion" von Friedrich Hölderlin, "Herr der Ringe" von J.R.R. Tolkien, und die gesammelten Märchen von Hans Christian Andersen.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Ich koche leidenschaftlich gerne, bin eine ebenso leidenschaftliche Gamerin und ein Vielguckerin japanischer Anime. Eine meiner größten Inspirationsquellen ist außerdem die Musik. In meinem CD-Regal steht vornehmlich Rock und Metal, aber nicht nur. Es sind auch Filmsoundtracks dabei, Blues, R'nB, Soul, Jazz, Musical und dann und wann sogar Klassik. Ich bin da offen und kann manchmal gar nicht genug verschiedene Eindrücke bekommen.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest? 

Neben einem stabilen Lektoratsjob in Vollzeit, gestützt vom Schreiben und der Musik: Ich möchte mir irgendwann einmal ein Haus an der Küste kaufen können. Es ist schon immer mein Traum gewesen, am Meer zu leben und zu schreiben.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern? 

Sehr wichtig! Ich gehöre zu der Sorte Autoren, die nicht nur für sich selbst, sondern auch  für den Leser schreibt. Und überhaupt trete ich gerne in Diskussionen.

Ich denke, dass Leserfeedback für die Schreibe eines Autoren unabdinglich ist. Man wächst nur durch konstruktive Kritik. Meine Rohfassungen werden daher immer von dritten gelesen, oft mehrfach, bevor sie überhaupt in Layout und Lektorat gehen.

Ein schöner Nebeneffekt: Ich habe inzwischen mehr das Gefühl, im Team zu arbeiten, und nicht einen Einzelkampf als Autorin zu fechten. Über die Jahre habe ich einen kleinen Pool an Stammtischlesern gesammelt, die sich immer auf meine Texte freuen und auf die ich mich stets verlassen kann. Das ist ein großartiges Gefühl!

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen? 

Danke für die Einladung! Und meinen Dank an alle, die bis hierhin gelesen haben.

Sollte euch das Interview gefallen haben, fühlt euch herzlich eingeladen, bei meiner Homepage norabendzko.com vorbeizuschauen. Dort könnt ihr mehr über die Entstehung von "Kindsräuber", über meine anderen derzeitigen Schreibprojekte - auch über die Galgenmärchen hinaus - und über meine Bands erfahren.

Im November wird es außerdem ein Gewinnspiel geben, wo man signierte Bücher, CDs und Konzerttickets gewinnen kann. Besuchen könnte sich also lohnen!

Ich freue mich, wenn euch meine dunkelbunte Welt bis hierhin fesseln konnte. Es ist mir ein großes Anliegen, Düsteres für andere greifbar zu machen - denn ich denke, dass man die Dunkelheit braucht, um stärker leuchten zu können.


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Kommentare: 1
  • #1

    Lina (Donnerstag, 10 November 2016 14:41)

    Hi, ein tolles Interview - und endlich weiß ich, wie es mit den Galgenmärchen weiter geht. Wolfssucht hat mir so gut gefallen und mich vor allem wahnsinnig beeindruckt. Die düstere und gewaltvolle Kulisse des 30jährigen Krieges mit Märchen zu kombinieren, das hat so gut gepasst!
    Liebe Grüße,
    Lina
    Ich freu mich schon auf das, was da nächstes Jahr auf uns zukommt ;-)