Interview mit Harald Gilbers

© Ronald Hansch

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :) 

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Ich komme vom Niederrhein, doch momentan hat es mich nach Süddeutschland verschlagen. Parallel zum Studium an der LMU München habe ich 14 Jahre lang in der freien Theaterszene Regie geführt und auch einige Kurzfilme gedreht. Dem breiten Publikum wurde ich jedoch erst mit meinen Romanen über Kommissar Oppenheimer bekannt.

Seit wann schreibst du?

Das kann ich nicht genau sagen. Als Kleinkind habe ich bereits auf einer Reiseschreibmaschine von Olympia herumgehämmert, obwohl ich noch keinen blassen Schimmer von Rechtschreibung besaß. Später habe ich dann sehr viel gelesen, auch Erwachsenenliteratur, da hatte ich keine Berührungsängste. Allerdings bin ich sehr stark visuell geprägt, daher fand ich Film und Theater zunächst interessanter. Vor allem das Theater war für mich sehr wichtig, weil ich dort ein Gefühl für lange Erzählstrukturen entwickeln konnte. Natürlich gibt es bei den verschiedenen Medien große Unterschiede, derer man sich immer bewusst sein muss, aber letztendlich geht es mir darum, Geschichten zu erzählen, in welcher Form auch immer.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen? 

Den ersten ernstgemeinten Versuch, einen Roman zu schreiben, unternahm ich vor etwa neun Jahren. Ich hatte einen Stoff, der in der Endphase der Nazizeit spielen sollte, doch er war zu komplex für ein Theaterstück oder ein Drehbuch. Ich brauchte eine größere Leinwand. Also wurde ein Roman daraus, weil ich nur auf diese Weise auch die historischen Hintergrundinfos einfließen lassen konnte. Das fertige Manuskript nannte ich „Germania“, es war der erste Roman mit Kommissar Oppenheimer. Books on demand oder ähnliche Veröffentlichungsmethoden waren für mich kein Thema, denn ich wollte natürlich, dass meine Bücher auch in den Buchhandlungen ausliegen. Also begann ich nach einer Literaturagentur zu suchen, denn sonst kommt man an die Publikumsverlage kaum ran.

Ab wann wusstest du, dass du Autor werden willst?

Das ergab sich mehr oder weniger aus Zufall. Ich hatte keinerlei Kontakte zur Verlagsbranche und vor „Germania“ nur eine einzige Kurzgeschichte veröffentlicht. Letztendlich war mein Erstling ein Schuss ins Blaue. Ich dachte, ich investiere jetzt meine Zeit in den Stoff und schaue, was dabei herauskommt. Ich gab mir nur eine einzige Chance. Wenn das Feedback negativ gewesen wäre, hätte ich mit der Schriftstellerei sofort wieder aufgehört. Aber ich hatte Glück. Bei der ersten Literaturagentur, die ich angeschrieben hatte, war ich zwei Wochen später bereits unter Vertrag. Ich dachte, „jetzt geht es los!“ Aber von wegen: Zu dieser Zeit hatten die großen Publikumsverlage noch große Berührungsängste vor Krimis, die in der Nazizeit spielen. Es dauerte dann noch zweieinhalb Jahre, ehe Droemer Knaur das Risiko auf sich nahm, den Roman zu veröffentlichen. Dass „Germania“ dann prompt den Glauser-Preis für das beste Krimidebüt bekam, war nach den langen Jahren des Wartens natürlich eine schöne Bestätigung.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

„Germania“ (2013)

„Odins Söhne“ (2015)

„Endzeit“, der dritte Roman mit Kommissar Oppenheimer, erscheint im Mai 2017.

Hast du für deine Bücher recherchiert? 

Die Recherchen nehmen den Großteil meiner Vorbereitungszeit in Anspruch und laufen dann teilweise auch noch parallel zur Schreibarbeit. Sie sind extrem umfangreich. Ich schreibe historische Krimis, also muss auch alles stimmen, von der Sprache über die tagesaktuellen Ereignisse in Berlin bis hin zum Wetter! Die Haupthandlung ist fiktiv, doch alles drum herum ist so authentisch wie möglich. Das schaffe ich nur, weil ich dazu auch Primärquellen wie Tagebücher, Zeitungen und Fotos heranziehe. Ortsbesichtigungen finde ich auch relativ wichtig, obwohl sich mein Schauplatz Berlin seit den Vierziger Jahren ja extrem verändert hat. Um die damalige Lebensrealität möglichst akkurat nachzuzeichnen gibt es da keine Alternative. So bin ich auf einige Themen aufmerksam geworden, die in den Sachbüchern bislang nur unzureichend dargestellt wurden. Ein Beispiel ist der weitverbreitete Missbrauch des Aufputschmittels „Pervitin“ in den Kriegsjahren, das wurde erst zwei Jahre nach „Germania“ ein großes Thema in Deutschland als „Der totale Rausch“ von Norman Ohler erschien. Es ist eine große Gefahr, dass man als Autor an historische Stoffe mit einer vorgefassten Meinung herangeht. Aber man darf Fakten nicht ignorieren, nur weil sie nicht ins eigene Bild passen. Mittlerweile suche ich mir Themen aus, schaue nach, was die Quellen dazu sagen und bilde mir dann eine Meinung. Das eigene Bild muss ich dabei immer wieder hinterfragen. Das gehört zur Redlichkeit eines Schriftstellers.

Wo schreibst du am liebsten?

Ich benötige viele Bücher und Nachschlagewerke, also habe ich keine andere Alternative als daheim zu arbeiten. Woanders wäre mir aber auch die Ablenkung zu groß. Ich muss mich vollständig auf meine Erzählung konzentrieren können.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Am Vormittag erledige ich die Büroarbeit, meine Zeitungslektüre und die allgemeine Kommunikation mit der Außenwelt. Nachmittags gegen 13 Uhr geht es dann ans Schreiben. Manchmal verschiebt es sich ein wenig, wenn ich mal wieder Nahrungsmittel aufstocke oder trainieren gehe. Mehr als fünf Stunden Schreibarbeit sind selten drin. Mein spezielles Problem ist, dass ich praktisch auf jeder Manuskriptseite eine Angabe nachschlagen muss. Auf diese Weise ist es kaum möglich, in einen richtigen Schreibfluss zu kommen. Ich bewege mich letztendlich im Zeitlupentempo vorwärts. Es ist eine Quälerei für mich.

Hast du ein neues Projekt, das du uns schon verraten kannst? 

Nach „Endzeit“, dem dritten Teil der „Germania“-Trilogie, geht es mit Kommissar Oppenheimer weiter. Als Nächstes folgt eine Art Zwischenkriegs-Trilogie, die von 1946 bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten und dem endgültigen Ausbruch des Kalten Krieges im Jahr 1949 reicht. Für die Zeit danach hätte ich auch schon Ideen. Berlin war jahrzehntelang ein Brennpunkt, in dem sich die geopolitischen Konflikte widerspiegelten, und Kommissar Oppenheimer befindet sich mittendrin. Da gibt es noch viele interessante Stoffe.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Ich liebe Hard boiled detective novels mit wahnwitzig komplizierten Geschichten, wie sie Raymond Chandler oder Dashiell Hammett geschrieben haben. Sam Spade und Philip Marlowe sind ja Zeitgenossen von Kommissar Oppenheimer. Aber ich finde, dass er einem anderen Romancharakter viel ähnlicher ist, nämlich Simenons Kommissar Maigret. Von der rein handwerklichen Seite werde ich von absolut allem beeinflusst. In „Germania“ habe ich unter anderem eine Szene aus einem japanischen Manga zitiert. Wahrscheinlich gibt es auch einen starken Einfluss der italienischen Oper, gerade die Komponisten des „Verismo“, wie zum Beispiel Puccini, mit ihrem Hang zu Sex und Violence finde ich großartig. Eine Inspirationsquelle sind für mich immer wieder die Arkady-Renko-Romane von Martin Cruz Smith. Als Regisseur orientiere ich mich bei der Dialoggestaltung sicher unwillkürlich an meinen Lieblingsdramatikern. Vielleicht der wichtigste Roman bei der Planung von „Germania“ war für mich „Der Name der Rose“ von Umberto Eco. Er zeigte mir, dass es möglich ist, komplexe historische Sachverhalte mit einem Serienkillerplot darzustellen.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Es gibt viele Schriftsteller, die ich sehr schätze. Die ersten Erwachsenenbücher, die ich mit etwa zehn Jahren las, waren „Der Hund der Baskervilles“ von Arthur Conan Doyle und „Das Gasthaus an der Themse“ von Edgar Wallace. Später entdeckte ich die Lord-Peter-Wimsey-Rätselkrimis von Dorothy L. Sayers. An der Uni habe ich neben Geschichte auch Amerikanische Literatur studiert, also gehören viele meiner Lieblingsautoren aus dem angelsächsischen Kulturkreis. Besonders gefallen mir die Werke von Graham Greene und John le Carré, weil sie es meisterhaft schaffen, moralisch ambivalente Figuren zu zeichnen. Zu meinen bevorzugten Theaterautoren gehören unter anderem Tom Stoppard, Tennessee Williams, Jean-Paul Sartre, Eugene O'Neill, und Oscar Wilde. Und habe ich Shakespeare erwähnt? Als nicht-Krimiautoren wären Thomas Hardy, John Irving, Vladimir Nabokov, Franz Kafka und Fjodor Dostojewski zu nennen.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Interviewfragen beantworten, ist doch klar. Abgesehen davon versuche ich, mindestens zweimal in der Woche ins Fitnessstudio zu gehen. Das ziehe ich schon seit über zehn Jahren konsequent durch, denn beim Schreiben sitze ich sonst nur die ganze Zeit herum. Ob ich es auch gerne mache? Nun ja, an manchen Tagen schon, aber zuerst muss ich stets meinen inneren Schweinehund bezwingen. Letztendlich ist es eine sinnvolle Tätigkeit, wenn man den natürlichen körperlichen Verfall aufhalten möchte. Wenn die Zeit nicht zum Training reicht und die Witterung es zulässt, versuche ich wenigstens, meine vier Kilometer lange Strecke durchs Dorf zu laufen. Aber sonst habe ich neben der Schriftstellerei kaum noch Zeit übrig. Falls ich keine anderen Termine habe, fahre ich abends mein Heimkino hoch und schaue mich kreuz und quer durch die Filmgeschichte, das war es auch schon.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest? 

Von „Träumen“ spreche ich in diesem Zusammenhang ungern, weil es ja meistens impliziert, dass sie unerreichbar sind. Stattdessen möchte ich lieber von „Zielen“ sprechen. Ein wichtiges Ziel wäre zunächst, dass sich mein Einkommen aus der Schriftstellerei derart verstetigt, dass ich irgendwann ohne einen weiteren Nebenjob auskomme. Viele Leute haben dieses Bild im Kopf, dass man es sich als Schriftsteller bereits nach einer einzigen erfolgreichen Buchveröffentlichung leisten kann, einfach so den Job zu kündigen. Doch das entspricht leider nicht der Realität. Vor allem liegt mir daran, dass meine Romanfiguren an Bekanntheitsgrad hinzugewinnen. Und tatsächlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass Kommissar Oppenheimer bald auch in einem anderen Medium ermittelt. Genaue Details darf ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht verraten.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern? 

Über Lesermeldungen freue ich mich immer sehr, da sie ja in der Regel positiv sind. Das motiviert ungemein. Dennoch darf man als Schriftsteller nicht die kritische Distanz zu seinem eigenen Werk verlieren. Sehr informativ sind daher Leserunden, denn so bekomme ich einen Eindruck, ob die von mir zusammengesponnene Dramaturgie auch wie erhofft rüberkommt. Manchmal gelangt man dabei sogar zu völlig überraschenden Einsichten, wie zum Beispiel bei einer Leserunde von „Germania“, die vom Goethe-Institut in Japan organisiert wurde. Einige Passagen der Übersetzung wurden von den Lesern völlig anders interpretiert, weil sie natürlich auch andere kulturelle Referenzpunkte haben. Und trotzdem funktionierte der Roman.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Ein großer Dank geht an meine Leser, ohne die es wohl bei einem einmaligen Auftritt von Kommissar Oppenheimer und Hilde geblieben wäre. Bleibt stark! Überlasst die Welt nicht den Bekloppten!


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