Interview mit Britt Reißmann

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Ich stamme ursprünglich aus Sachsen-Anhalt, aus der Domstadt Naumburg.

Als sehr kreativer Mensch, der eher vom Bauch gesteuert wird als vom Kopf, habe ich eigentlich, solange ich denken kann, entweder gemalt, geschrieben oder gesungen. Da war es nur eine logische Folge, dass der erste Beruf, den ich lernte, ein Kunsthandwerk war: Intarsienschneiderin; in der Ausbildung habe ich ziemlich gut zeichnen gelernt. Nebenbei besuchte ich noch das Konservatorium, das ich nach fünf Jahren mit dem Berufsausweis als Sängerin für Tanz- und Unterhaltungsmusik abschloss. Damals war ich noch sehr jung und sang elf Jahre lang in verschiedenen Bands. Durch die deutsche Wiedervereinigung verschlug es mich schließlich auf der Suche nach Arbeit nach Baden Württemberg, wo ich nach einigen Umwegen einen Job im Bürodienst bei der Stuttgarter Mordkommission fand, und von dort war es nur noch ein winziger Schritt bis zum Krimi schreiben.

Seit wann schreibst du?

In meiner Vita steht, seit ich einen Stift halten konnte. Das ist natürlich etwas übertrieben. Aber ich habe schon im Grundschulalter kleine Geschichten geschrieben und selbst illustriert. Wirklich schade, dass die niemand aufbewahrt hat.

Mein erstes Werk, das dann aber auch gedruckt wurde, war ein Kinder-Fantasy-Roman mit dem Titel „Der Brunnen der verlorenen Träume“, den ich für meine damals 5jährige Tochter geschrieben habe. Auch den habe ich selbst illustriert. Er erschien 2001 und ist inzwischen vergriffen.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Bücher haben schon seit meiner Kindheit eine enorme Faszination auf mich ausgeübt. Daher hab ich auch im Alter von 4 Jahren Lesen gelernt und mich dann durch den Bücherschrank meiner Tante gefressen. Die meisten der Bücher waren noch in altdeutscher Schrift gedruckt (Erstausgaben von "Nesthäkchen" & Co); so kam es, dass ich zuerst die altdeutschen Buchstaben beherrschte und die lateinische Schrift, die wir heute verwenden, erst später lernte - aber immerhin noch bevor ich eingeschult wurde. Ich hatte schon damals den Wunsch, Schriftstellerin zu werden, ein Kindertraum, den aber niemand so richtig ernst genommen hat. Auch war es ja in der damaligen DDR nicht ganz einfach, seine Gedanken öffentlich zu machen. Die Zensur war allgegenwärtig und man musste sich – gerade als Künstler – sehr dem System unterordnen. Daher war das Bücherschreiben damals gar keine Option für mich.

Erst nach der Wende, als ich schon in Stuttgart war, erinnerte ich mich wieder daran. Nach der Geburt meiner Tochter, im Erziehungsurlaub, hatte ich genügend Zeit und brauchte eine kreative Beschäftigung, für die ich möglichst nicht aus dem Haus gehen musste. Also fing ich an, ein Kinderbuch zu schreiben.

Das mit den Krimis ging erst los, als ich die Anstellung bei der Kripo fand.

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst? 

Das war eher ein schleichender Prozess. Ein Buch macht ja noch keine Autorin, jedenfalls in meinen Augen. Das Dranbleiben, immer wieder neu anfangen, Deadlines einhalten und dabei das Handwerk immer mehr zu perfektionieren, das macht für mich Autoren aus, die sich auch so nennen dürfen.

Erst als der erste Thea-Engel-Krimi beim Emons-Verlag erschien und die plötzlich eine Serie draus machen wollten, und ich innerhalb kurzer Zeit einen zweiten Teil „aus der Hüfte geschossen“ habe (wie meine Lektorin damals treffend sagte), habe ich zaghaft damit angefangen, mich Autorin zu nennen, hielt mich aber dabei immer noch für einen großen Angeber. ;-)

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

„Der Brunnen der verlorenen Träume“, Kinderfantasy, Kalke 2001

„Die Farbe des Himmels“, Kriminalroman, Emons 2005

„Der Ruf der Schneegans“, Kriminalroman, Emons 2006

„Der Traum vom Tod“, Kriminalroman, Emons 2008

„Zimmer ohne Aussicht“, Kriminalroman, Emons 2010

„Blutopfer“, Kriminalroman, Diana, 2014

„Scherbenkind“, Kriminalroman, Diana 2016

Außerdem findet man jede Menge Kurzkrimis aus meiner Feder in zahlreichen Anthologien verschiedener Verlage, die aufzuzählen hier den Rahmen sprengen würde.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Ja, natürlich. Es ist mir extrem wichtig, mich so nahe wie möglich an der Realität zu bewegen. Da ich auch vorwiegend über Themen schreibe, die ziemlich komplex sind und ins Detail gehen, komme ich gar nicht umhin, mich tiefer mit diesen Thematiken zu beschäftigen. In meinen Büchern geht es oft um Randgruppen der Gesellschaft, die von der Allgemeinheit im besten Fall übersehen werden und im schlimmsten Fall mit jeder Menge Vorurteilen zu kämpfen haben. Für mein letztes Buch, „Scherbenkind“, in dem es um Multiple Persönlichkeiten geht, habe ich vorab mindestens genauso lange recherchiert, wie ich schließlich zum Aufschreiben gebraucht habe.

Zum Ausgleich spare ich mir aber viel an Recherche, was die Polizeiarbeit betrifft. Da ich durch meine Arbeit quasi an der Quelle sitze, ist mir das meiste ohnehin vertraut, und für eventuelle Fragen sitzt immer ein Kollege direkt im Nebenzimmer. ;-)

Wo schreibst du am liebsten?

Immer an meinem winzigen Schreibtisch, der zu Hause in meinem winzigen Erker steht, mit Blick ins Grüne. Mein Arbeitsplatz ist so klein, dass darauf gerade so mein PC-Monitor, ein Stapel Notizzettel und die Kaffeetasse Platz finden. (Meist liegt aber trotzdem noch jede Menge Krimskrams drauf.) Da ich zum Arbeiten absolute Ruhe brauche, wäre das Schreiben in Cafés oder Restaurants für mich undenkbar. Selbst Musik, die manche Kollegen als inspirierend empfinden, würde mich zu sehr von dem Film in meinem Kopf ablenken.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Eigentlich nicht. Ich schreibe, wenn ich inspiriert bin und die Zeit dazu finde. Das kann ich nicht streng nach Plan jeden Tag und schon gar nicht zur selben Stunde. Wenn die Deadline drängt, sieht es natürlich etwas anders aus, dann nehme ich mir schon täglich eine bestimmte Seitenzahl vor, die ich dann (meistens jedenfalls) auch diszipliniert runtertippe.

Ritual? Jede Menge Kaffee. Und speziell zum Verfassen von Exposès brauche ich Unmengen an Süßigkeiten. Über den Daumen gepeilt kann man sagen: Pro Exposé 2 bis 3 Kilo zusätzlich auf den Hüften, die ich dann wieder mühevoll abtrainieren muss.

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Leider nein. In diesem und auch im kommenden Jahr bin ich Jurorin für den Delia-Literaturpreis, ein Ehrenamt, das ich gerade zum dritten Mal und immer wieder gern bekleide. Das bedeutet, dass ich in einem knappen Jahr um die 200 Bücher lesen und bewerten muss. Da bleibt, neben meinem Brotjob bei der Kripo, keine Zeit mehr für eigene Romane. In solchen Jahren bringe ich noch maximal eine Kurzgeschichte zu Papier.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Nicht wirklich. Natürlich habe ich Lieblingsautoren, die bestimmt auch einen Anteil daran haben, dass ich selbst schreibe. Ich würde sicher auch gern wie der eine oder andere schreiben können. Ich hab aber festgestellt, dass ich wirklich authentisch nur so schreiben kann, wie ich selbst schreibe, ohne dabei jemand anderen als Vorbild zu nehmen. Irgendwie ist dabei mein ganz eigener Stil rausgekommen.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Meine Lieblingsbücher ändern sich ständig, je nachdem, was ich gerade lese. Meine aktuellen Favoriten darf ich leider nicht verraten, weil die möglicherweise im nächsten Monat für den Delia-Preis nominiert werden. Aber so über die Jahre gesehen lese ich einige Autoren immer wieder gern und schlage erbarmungslos zu, sobald etwas Neues von ihnen erscheint. Das sind zum Beispiel im interntationalen Sektor Autoren wie Jodi Picoult, Jeffrey Deaver, Kathy Reichs, Tess Gerritsen, Andrea Camilleri u. v. a.

Bei den deutschen Kollegen mag ich besonders die Bücher von Nina George, Thommie Bayer, Cornelia Funke, Kerstin Gier, Bea Hellmann, Nicole Walter, um nur einige wenige zu nennen. Tatsächlich habe ich gerade in den letzten Jahren durch das Lesen für die Delia-Jury eine Menge deutscher Kollegen entdeckt, deren Bücher ich sehr mag, hier aber unmöglich alle aufzählen kann.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Es wird nicht überraschen, wenn ich zugebe, dass ich viel lese, nicht nur wenn ich gerade für eine Literaturpreis-Jury arbeite. (Ich kenne aber auch keine Autoren, die nicht gern lesen.)

Ich bin ein großer Italien-Fan und bemühe mich seit Jahren, mein rudimentäres Urlaubs-Italienisch zu verbessern. Mit mäßigem Erfolg, weil man sich einfach täglich Zeit dafür nehmen müsste, die ich natürlich nicht habe.

Außerdem bin ich ein ziemlich verrückter Musical-Nerd, und man findet mich, sooft es mein Budget zulässt, in einem unserer Stuttgarter Musical-Theater. Es kommt aber auch vor, dass ich für ein Stück, das mir wichtig ist, bis nach Hamburg oder auch weiter fahre. Auch mehrmals. 

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Ich habe mir in meinem Leben schon so viele Träume und Wünsche erfüllt, dass mir jetzt spontan gar nichts einfällt.

Ach doch, ich würde schrecklich gern noch mal das Musical „Wicked“ sehen (möglichst in der Dernieren-Besetzung von Stuttgart 2010, aber das wird kaum möglich sein).

Und – für den Fall, dass meine Tochter das liest – in ein paar Jahren ein Enkelkind, dann wäre mein Leben perfekt.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Sehr wichtig. Schreiben ist ja ein einsames Geschäft und ich kann nur ahnen, was in den Köpfen der Leser vorgeht, wenn sie mein Buch lesen. Daher freue ich mich sehr über jede Art von Rückmeldungen. Ich begleite auch sehr gern Leserunden, weil man dort ein sehr direktes Feedback bekommt und Gedanken und Gefühle, die den Leser begleiten, direkt nachvollziehen kann. Das finde ich ganz großartig. Und ich freue mich über jede Rezension, auch wenn sie nicht ganz so toll ausfällt, solange ich etwas daraus lernen kann.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Ja, ein ganz großes und herzliches Dankeschön an alle Leser, die meine Bücher (und natürlich auch die Bücher meiner KollegInnen) kaufen und sie nicht illegal bei Piraten-Plattformen runterladen. Das ist ja heutzutage (leider) nicht mehr selbstverständlich. Was die illegal-Downloader vielleicht nicht wissen: Über kurz oder lang schneiden sie sich ins eigene Fleisch, denn wenn von einem Autor nicht genug Bücher legal über die Ladentische gehen, der Verlag also nichts an ihm verdient, wird der Autor dort keine Folgeverträge mehr bekommen. Denn auch Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die in erster Linie Geld verdienen wollen. Die logische Konsequenz ist – es wird immer weniger Autoren, immer weniger Bücher in den Buchhandlungen geben. Irgendwann stehen vielleicht nur noch die Bestseller in den Regalen und die Vielfalt, die den Buchmarkt heute (noch) ausmacht, geht den Bach runter. Das nur als kleinen Denkanstoß für alle, die meinen, am falschen Fleck sparen zu müssen.

Dir, liebe Bianca, herzlichen Dank für dein Interesse und das nette Interview!


Kommentar schreiben

Kommentare: 0