Autorenporträt: Blatter, Ulrike

Lebenslauf mit Leseproben

Es begann alles ganz harmlos: während der Schulzeit schrieb ich Gedichte und es gab erste kleinere Veröffentlichungen.

Das nächste größere Prosastück war, wie ich ehrlicherweise gestehen muss, meine Doktorarbeit - und die ließ bereits Schlimmes ahnen: ich promovierte in der Rechtsmedizin.

Hier ein passendes Zitat aus meinem Roman Vogelfrau: "Gerichtsmedizin - dieser Begriff ist etwas für Laien oder für die Sensationspresse. Wir sind ein seriöser Zweig der Medizin, auch wenn wir häufig als Schmuddelkinder gelten. Wir stehen immer und ausschließlich auf der Seite des Rechts".

Das 'Handwerk' der Rechtsmedizin und Psychiatrie erlernte ich in der Schweiz. Schwiizerdütsch zu lernen war für mich, als Rheinländerin, eine echte Herausforderung. Aber schließlich war ich auch nachts um zwei in der Lage, drogenbetörte Notfallpatienten in ihrer ureigenen Sprache anzusprechen.

Auch hierzu eine kleine Textprobe aus der Kurzgeschichte Augenblicke:

Die große Gestalt ist wahrscheinlich ein Mädchen. Ihre Stimme verrät sie. Ihre Gestalt versteckt in unförmigen Hosen ist nahezu unkenntlich. Der Kopf verhüllt unter einem Kapuzenpulli, die Augen hinter einer Sonnenbrille, wie maskiert. Einmal bewegt sie sich unachtsam und ich sehe die kreisförmigen Narben auf ihren Unterarmen. Hastig streicht sie die Pulloverärmel wieder zurück.

»Lueg emol, wie dä usgseht!«, herrscht sie mich an. Ihre Stimme ist tief, aber eindeutig weiblich. »Wie-n-es Skelett uf Urlaub«, hechelt der Kleine. »Wie-n-e grespect<. »Los, lupf din Arsch und hock nid ume wie bstellt und nid abgholt!« Die Große hebt eine zweite Plastiktüte mit spitzen Fingern hoch und schüttet sie aus.

***

Der Wechsel blieb auch in den nächsten Jahren eine wichtige Konstante in meinem Leben.

Gemeinsam mit meiner wachsenden Familie zog ich nach Slowenien, um dort länger zu bleiben, als ursprünglich geplant. Eine wahrhaft prägende Zeit!

Der Kosovokrieg war die nächste wichtige Zäsur in meinem Leben. Er fand quasi vor unserer Haustür statt und ich konnte nicht länger nur einfach zusehen: Nach dem Krieg wurde die Region geradezu überschwemmt mit Drogen. Ich begann mein ehrenamtliches Enagegement für suchtgefährdete Jugendliche in Bosnien und traumatisierte Frauen in Kosovo. Meine beruflichen Kompetenzen konnte ich hier voll einsetzen. Schriftstellerisch gesehen, fand diese Zeit ihren Ausdruck in den beiden Romanen "Der Mann, der niemals töten wollte" und in "Nur noch das nackte Leben".

Leseprobe aus Nur noch das nackte Leben:

Dieser Ort hier war jedoch anders als alle Orte, die Bloch bisher kannte. Es fehlte ihm völlig die selbstvergessene Zurschaustellung der Vielzahl widerwärtiger Kleinigkeiten, der verunstalteten Leiber, der ausgelöschten Blicke.

Hier war es eine Karawane, ein steter Mahlstrom von Leibern, in dem sich der Einzelne, aus dem Dunkel kommend, verbarg, um dann rasch wieder von der Nacht eingesaugt zu werden. Dicht aneinandergedrängt schoben sich die Menschenmassen über breite, knisternde Trampelpfade. Es war nicht unähnlich der Passegiata, dem allabendlichen Flanieren über hell erleuchtete Uferpromenaden, wie es in mediterranen Ländern üblich ist.

Dies war jedoch eine Passegiata der anderen Art. Es war ein schattenhaftes Dahingleiten, ein Sich-Ducken und ein blitzartiges Emportauchen, um unmittelbar darauf wieder im Dunkel zu verschwinden. Da gab es kein Verweilen, kein lässiges Schlendern, kaum einmal ein Innehalten. Es war eine Gegenwelt, ein Widerglanz aus einem halb erblindeten Zerrspiegel. 

Was blieb aus dieser Zeit? Die Erfahrung unglaublicher Gastfreundschaft und jede Menge persönlicher Beziehungen, die auch heute, nach über 10 Jahren, nicht abgebrochen sind. Aber auch: Die Erfahrung von unsäglichem Leid und - nicht zuletzt - auch ein ständiger Kampf gegen Korruption. Diese kann durchaus verführerisch sein - vgl. Nur noch das nackte Leben:

"Lidija drehte sich um, als sie näher kamen. Sorgfältig drückte sie ihre Zigarette am Fenstersims aus. Sie war viel größer als Bloch, was vor allem an ihren schwindelerregend hohen Absätzen lag. Ihre Formen, die in dem eng anliegenden, kurzen, schwarzen Kleid hervorragend zur Geltung kamen, verschlugen Bloch für einen Moment den Atem. Eine Frau dieser Klasse sah man normalerweise nicht im wirklichen Leben, sondern auf den Seiten von Hochglanzmagazinen, in denen man zerstreut blätterte, wenn man im Wartezimmer eines Zahnarztes saß.

Animè, die Blochs Blicke registrierte, stieß ihn kumpelhaft in die Seite und flüsterte: »Bei uns halten die Frauen noch auf sich. Wir kämen zum Beispiel niemals auf die Idee, mit flachen Korksandalen herumzulatschen wie es die deutschen Frauen so gerne tun. Das ist keine Frage der finanziellen Möglichkeiten, sondern eine Lebenseinstellung. Wir nennen es wie die Italiener >bella figura< und es hat viel mit gesellschaftlicher Akzeptanz zu tun.«

»Dann muss diese Lidija aber extreme gesellschaftliche Akzeptanz genießen«, flüsterte Bloch.

»Mehr als das. Schon alleine durch ihre Familie gehört sie zur absoluten First-class-Prominenz in diesem Land.«

Bloch sah an sich herunter. Seine Füße steckten in Gesundheitssandalen."

***

Zurück in Deutschland zeigte sich, dass man auf der sprichwörtlichen 'schiefen Bahn' tatsächlich immer weiter rutscht. Manchmal aber auch nach oben: Weitere Kurzkrimis erschienen und Schreibstipendien überbrückten so manche Durststrecke.

Vor allem machten mir meine LeserInnen immer wieder Mut weiterzumachen.

Inzwischen schreibe ich auch nicht mehr über Kriege. Oder vielleicht doch? Der Kurzkrimi Korrekt getrennt seziert eine badisch-schwäbische Ehe. Ob das gutgeht? In der Anthologie "Diagnose Mord" können Sie es selber herausfinden.

Vielleicht ist Heiratsschwindel doch die ehrlichere Alternative? Leseprobe aus dem Kurzkrimi Hauptgewinn:

"Meine Gefühle waren zwiespältig. Ich gönnte Chiara zwar eine strahlende Zukunft an der Seite eines reichen Mannes. Aber wer kann schon mit einem echten Windhund mithalten? Niemand wird einer Frau Vergleichbares bieten. Und ich sollte recht behalten: Als Bernd im Schlenderschritt eines Lebemannes die Lobby betrat, durchschaute ich ihn auf den ersten Blick."

Aktuell schreibe ich an meinem vierten Roman. So viel sei verraten: Die Story spielt in Köln. Und es geht nicht immer mit rechten Dingen zu.

Aber ganz egal ob Ehekrieg oder ganz große Liebe: Auf eins kann man sich bei mir verlassen: Ich mache es meinen LeserInnen nicht zu einfach. Auch wenn der Fall schon längst gelöst scheint - das Beste kommt immer zuletzt.

Textquelle: Amazon

Bild: Amazon

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