Interview mit Jens Schumacher

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Gerne.

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Die wichtigsten Punkte kann man meiner offiziellen Vita im Netz entnehmen: Geboren 1974, bisher knapp 80 Bücher und Spiele für Jugendliche und Erwachsene, u.a. Fantasyromane, Krimis, interaktive Spiel- und Sachbücher sowie diverse Ausgaben der Rätselspielserie BLACK STORIES. 2013 Stadtschreiberstipendium der Stadt Hausach im Schwarzwald, aktuell übersetzt in 20 Sprachen. Wohnhaft am Ende einer Sackgasse irgendwo im Saarland.

Seit wann schreibst du?

Seit der ersten Schulklasse. Ich konnte schon mit 5 lesen, mit 6 entstanden erste eigene Abenteuergeschichten, meistens in Drehbuchform, damit wir – Freunde, Verwandte und ich – sie gleich mit dem Kassettenrekorder als Hörspiele aufnehmen konnten, komplett mit Musik, Sounddesign und allem PiPaPo.

Wie bist du zum Bücherschreiben gekommen?

Ich habe von klein auf unerhört viel gelesen und hatte immer eine ausgeprägte Fantasie, von daher war es wohl eine logische Folge, dass ich irgendwann anfing, mir selbst Geschichten auszudenken. Das ging die ganze Schulzeit hindurch so weiter, und während des Studiums, etwa Mitte der 90er, erschienen dann meine ersten Bücher. Als ich die Uni verließ, hatte ich mir – wie es sich für einen ordentlichen Studenten gehört – noch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, was ich hinterher eigentlich beruflich machen wollte. Ich wusste nur, woran ich Freude hatte und was ich aus diesem Grund gern weiter tun würde: meine Ruhe haben, lesen und ab und zu selbst ein Buch machen. Also tat ich das.

Ab wann wusstest du, dass du Autor werden willst?

Ich wollte, anders als die meisten meiner Mitschüler und -studenten, eigentlich nie überhaupt irgendwas werden – also weder Tierarzt, Astronaut, Baggerfahrer noch Autor. Ich war mir nur sehr früh über ca. 10.001 Dinge bewusst, die ich in meinem späteren Leben NICHT wollte. Irgendwann, so nach den ersten 10 oder 20 Büchern, als auf meiner Steuererklärung »Autor« stand und sogar meine Mutter sich keine Sorgen mehr machte, ich könnte als brotloser Künstler verhungern, dämmerte mir, dass das jetzt offenbar mein Beruf war. Ich fand das OK, es hätte schlimmer kommen können.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Hui – das sind zu viele, um sie hier alle aufzulisten. Wen es interessiert, der möge eine Blick auf meine Webseite WWW.JENSSCHUMACHER.EU werfen.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Für Titel, bei denen das inhaltlich notwendig ist, recherchiere ich viel und gründlich. Für meinen Science-Thriller »Frozen – Tod im Eis«, der in der Antarktis spielt, habe ich mich sechs Wochen lang ins Thema eingelesen, Dokumentationen angesehen und mich mit Wissenschaftlern unterhalten, damit technische, klimatische und sonstige Fakten Hand und Fuß hatten. Für rein fiktionale Titel – Fantasy zum Beispiel – gibt es dagegen in meinen Augen nichts zu recherchieren. Ich finde auch die Kollegen doof, die behaupten, sie würden für irgendwelche Drachen-gegen-Feen-Romane großartig »recherchieren«. Mit Recherche in

dem Sinne, wie ich sie verstehe, hat das nichts zu tun.

Wo schreibst du am liebsten?

Daheim, an einem schönen alten Empire-Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer. Ich habe das Haus, in dem ich heute lebe, vorrangig nach Kriterien ausgewählt, die meiner Arbeit – aber auch der mindestens ebenso wichtigen Entspannung – zuträglich sind: extrem ruhig gelegen, viel Platz für Bibliothek und schöne Dinge, Blick ins Grüne. Unterwegs, beispielsweise auf Lesereisen, kann ich überhaupt nicht schreiben. Da schaffe ich bestenfalls die Tagespost, Fahnenkorrekturen oder ein bisschen Lektüre zur Recherche.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Nein. Ich finde nichts schlimmer als sich jedes Mal, bevor man loslegt, penibel den Stift irgendwohin zu legen, die Kaffeetasse dorthin, eine bestimmte Musik einzuschalten und diese oder jene Lampe oder Kerze anzuzünden. All das würde für mich den Punkt, ab dem »es« losgehen muss, viel zu streng definieren, so was blockiert mich eher. Ich bin am besten, wenn ich völlig spontan, quasi aus der Hüfte loslege und nach Stunden irgendwann merke, dass ich immer noch im Schlafanzug vor dem Rechner sitze und gerade 15 Seiten am Stück geschrieben habe … von denen dann vielleicht sogar sechs oder sieben ganz brauchbar sind.

Hast du ein neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Aktuell beschäftige ich mich viel mit Neuauflagen älterer Bücher, Jugendbücher sowie Krimi- und Fantasy-Titel für Erwachsene, d.h. ich bin seit etwa einem Jahr viel am Überarbeiten und Koordinieren. Mit den BLACK STORIES, die ich zusammen mit meiner Kollegin Corinna Harder schreibe, sind wir immer ein, zwei Editionen weit im voraus, unsere nächste erscheint im Herbst 2017. Mein nächster Roman wird wieder eine Kollaboration mit Jens Lossau sein, ein Fantasy-Roman mit dem schönen Titel »Der Pfuhldrache«, an dem wir gerade schreiben und der zu Weihnachten auf den Markt kommen soll.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Ich fürchte, das sind aufgrund der Masse an Dingen, die ich in den letzten 38 Jahren gelesen habe, zu viele, um sie namentlich aufzuführen. Aber Michael Crichton hat mich zu seinen Lebzeiten beeindruckt, nicht nur mit seinen Romane, sondern vor allem mit der Art, wie er seine Arbeit und das Leben generell sah und was er neben dem Schreiben alles geleistet hat. Walter Moers war wichtig, er hat mir geholfen, mich von dem unter Selbstständigen häufig herrschenden Irrglauben zu lösen, man müsse immer das machen, was Verlage oder Agenten wollen. Und natürlich Steve Jackson und Ian Livingstone, die Väter des modernen interaktiven Questbooks – sie haben mich mit 12 Jahren motiviert, mein erstes mehrhundertseitiges Typoskript zu verfassen. Auch nicht vergessen darf ich Jens Lossau, mit dem ich seit nunmehr 21 Jahren zusammenarbeite. Im Gegensatz zu den vorgenannten hat er mich nicht passiv, sondern höchst aktiv beeinflusst, durch die gemeinsame Arbeit an über einem Dutzend Romanen.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Siehe oben, das kann ich schon lange nicht mehr auf den Punkt bringen oder halbwegs umfassend aufzählen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mich nicht nur für ein einzelnes Genre interessiere, sondern alles schätze, was im weitesten Sinne spannend, unheimlich, komisch oder sonst wie erbaulich ist. Da lese ich dann hier mal ein Buch von Autorin A, dort eins von Autor C, anschließend vielleicht wieder zwei von Autor B … das ist alles sehr stimmungsabhängig und ändert sich rasend schnell. Ich bin sozusagen der fleischgewordene Albtraum des amazon-Empfehlungs-Algorithmus: Nichts von dem, was mir dort vorgeschlagen wird, interessiert mich in dem Moment, wo es auf dem Bildschirm auftaucht.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Lesen, nach wie vor. Ich halte es da mit Stephen King, der mal sagte, für jeden Roman, den man sich selbst zu schreiben erdreistet, solle man mindestens zehn gelesen haben. Ich für meinen Teil würde das jederzeit noch mal um den Faktor zehn erhöhen. Ansonsten bin ich gern an der Luft, sei es im eigenen Garten oder beim Wandern. Reisen mag ich auch, allerdings bin ich über das Jahr so viel unterwegs, auf Lesungs- und Vortragsveranstaltungen, dass ich es mit zunehmendem Alter auch einfach mal genieße, daheim vor dem Kamin zu sitzen und gar nichts zu tun.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Es klingt furchtbar klischeehaft, aber ich wäre absolut zufrieden, wenn alles eine Weile so bleiben könnte, wie es heute ist. Meinen größten Wunsch – ein Haus, das all meinen absurden Spezifikationen entspricht – habe ich mir vor ein paar Jahren erfüllt, mein Output verkauft sich ordentlich, ich kann die Geschichten schreiben, auf die ich Lust habe … Was sollte ich noch wollen? Ich denke, gesund bleiben und die Zeit genießen lautet meine Prämisse für die kommenden 40 Jahre.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Direkte Rückmeldung von Angesicht zu Angesicht, zum Beispiel im Umfeld einer Lesung, schätze ich sehr. Sie ermöglicht mir, die geäußerte Kritik oder das Lob in einen Kontext mit der Person zu stellen, die sie äußert, quasi »live«. Nur wenn ich verstehe, wie der Sprecher drauf ist – ob er ein Intellektueller ist, Metzger, Fußballer, betrunken, euphorisiert oder vielleicht ein völliger Idiot –, kann ich aus seiner Rückmeldung etwas Sinnvolles mitnehmen. Anonymisiertes Feedback, etwa im Internet, interessiert mich dagegen nicht. Ohne ein Gesicht zu der jeweiligen Meinung habe ich keine Möglichkeit zu differenzieren, ob jemand etwas sagt, weil er eine fundierte literarische Ansicht vertritt, ob er mich vielleicht generell nicht leiden kann, ob er gerade seinen Job verloren oder sich am Vorabend heftig mit seiner Frau gezofft hat … Aus diesem Grund lese ich z.B. auch keine amazon-Leserrezensionen; Blogbesprechungen nur, wenn ich die Person kenne, die den Blog schreibt, und ungefähr weiß, wie ich ihre Meinung einordnen muss.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Lest, so viel ihr könnt! Lesen macht Spaß, bildet, hat keine gesundheitlichen Nebenwirkungen und ist unter den vielen Passionen, unter denen man heute wählen kann, sogar noch eine der kostengünstigsten. ;-)


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