Interview mit Jan Erhard

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Ich lebe mit meiner Familie in Teltow bei Berlin, wo ich Philosophie und Geschichte an einem Gymnasium unterrichte bzw. Lehrer ausbilde. Meinen Beruf liebe ich aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt, weil er mir Zeit für ein intensives Hobby lässt.

Seit wann schreibst du?

Eigentlich schon immer, früher waren es krude Science-Fiction- oder Fantasy-Storys, dann Artikel für die Zeitung, Kurzgeschichten oder grottenschlechte Gedichte. Erst nach dem Studium wollte ich wissen, ob ich auch ein ganzes Buch schaffe. Daraus wurde ein Thriller. Und wirklich ernsthaft und ständig schreibe ich seit elf Jahren.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Ich glaube, den Anstoß gab mir Tolkiens Herr der Ringe. Ich konnte nicht ertragen, nie wieder etwas von Gandalf und Co. zu lesen, und dachte mir einfach andere Abenteuer der Hobbits aus.

Angkor als Thema entdeckte ich nach meinem Studium. Ich war enttäuscht, wie wenig außereuropäische Geschichte vermittelt worden war, und arbeitete mich also durch einige Standardwerke. In einer Gesamtdarstellung zur südostasiatischen Vergangenheit stieß ich dann auf die Sitte der Gallengabe: Der Gottkönig durfte jederzeit die Galle eines beliebigen Untertanen fordern und in Wein aufgelöst trinken. Wunderbar exotisch! Während der weiteren Recherche fand ich kaum schriftliche Quellen, dafür jedoch umso größere Freiheiten für einen Autoren. Und zudem gab es damals keinen einzigen historischen Roman über dieses Weltwunder.

Ab wann wusstest du, dass du Autor werden willst?

Schon sehr lange, setzte es aber erst um, als ich 2006 vom Auto auf den ÖPNV umstieg. Da ich zur Arbeit pendele, hatte ich unversehens 80 Minuten zusätzliche Zeit am Tag zur Verfügung. Endlich brauchte ich mich nicht mehr jedes Mal einarbeiten, um dann ein paar Zeilen bis zur nächsten Unterbrechung zu schaffen. Nein, ich schrieb einfach weiter. Und da begriff ich, dass ich neben meinem Beruf wirklich noch etwas Anderes machen konnte. Also mein Rat: Wer selber schreiben will, sollte nicht warten, sondern klar definierte, tägliche Zeitfenster suchen.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Zuerst kamen Milchozean – Angkors Fesseln und Weltenschlange – Angkors Kampf heraus. Nach den beiden historischen Abenteuerromanen brauchte ich eine Pause von Südostasien und erinnerte mich an meinen Thriller. Erster Klasse erschien dann 2016. In diesem Jahr folgten die Neuausgaben Milchozean – Arun und Milchozean – Anchaly, bis zum Winter stehen noch Weltenschlange – Chantrea, Weltenschlange – Yan Ji und hoffentlich auch endlich die englische Übersetzung Ocean of Milk an. Die neuen Bände aus der Reihe Angkor, Sonnenscherbe – Viseth und Sonnenscherbe – Champei schaffe ich wahrscheinlich bis zum Sommer 2018.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Für den Krimi reichten die Erfahrungen als aktives Mitglied in der SPD, für die Angkor-Reihe recherchierte ich dagegen seit 2001. Irgendwann hatte ich so viele Informationen zusammengetragen, dass ich ein Register brauchte und das umfasst nun auch schon wieder 30 Seiten.

Wo schreibst du am liebsten?

Das klingt vielleicht komisch, aber tatsächlich in der S-Bahn. Dort locken keine Ablenkungen und ich muss nach 40 Minuten aussteigen, wenn ich ohnehin eine Pause brauche.

Hast du ein festes Schreibritual?

Falls ich zu Hause schreibe, dann am liebsten morgens verbunden mit den üblichen Belohnungen in regelmäßigen Abständen (Kaffee etc.). Nachmittags oder abends beschäftige ich mich eher mit Formatierungs- und Designfragen. Noch etwas: Ich habe mir angewöhnt, den ersten Entwurf während seiner Erstellung nie zu werten, das hält bloß auf und raubt Motivation. Daher schreibe ich in drei Phasen: Erst kommt die reine Niederschrift, danach die grobe Überarbeitung, nach Fertigstellung des gesamten Buches alle weiteren Korrekturen (in der Regel vier Durchläufe).

Hast du ein neues Projekt, was du uns schon verraten kannst?

Nach der Veröffentlichung des 5. und 6. Teils der Angkor-Reihe gönne ich mir eine Pause von den Khmer und setze mich an einen philosophischen Krimi.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Falls es um den Stil geht, mag ich es minimalistisch. Wichtiger muss immer die Geschichte sein. Am liebsten lese ich Bücher, bei denen man gar nicht merkt, dass man sie liest. Diesem Ideal kam Richard Laymon ziemlich nah, auch wenn seine Themen flach blieben. Bernard Cornwell schreibt dagegen ein wenig aufwendiger, dafür jedoch an den besten Stellen herrlich lakonisch. Zudem schätze ich als Historiker die großartigen Schilderungen der Schlachten.

Zum Inhalt s. nächste Frage.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Herz der Finsternis, Lord Jim und Nostromo, alle von Joseph Conrad. Sein Stil liest sich manchmal vielleicht etwas angestaubt, aber die Themen bleiben zeitlos und fesseln. (Übrigens war Lord Jim meines Wissens der erste Film, der vor der Kulisse Angkors entstand, ein seltsamer Zufall.) Ich mag auch die Hornblower-Romane von C. S. Forester, die Sharpe-Serie von Bernard Cornwell und die Graphic-Novels von Hugo Pratt über Corto Maltese. Ohne Abenteuer geht es also nicht.

Was machst du gerne in der Freizeit?

Ich bin süchtig nach Sauna, streame gute Serien, fahre Fahrrad und genieße ansonsten das Leben mit meiner Familie.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Ich würde gerne in absehbarer Zeit Opa werden :). Ansonsten will ich irgendwann den 12. Teil der Angkor-Reihe vollenden. Mit Träumen ist es schwierig, weil ich schon versuche so zu leben, dass ich nichts Schönes in die Zukunft verschieben muss. Immerhin habe ich ja Philosophie studiert.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Ohne Kritik geht es nicht, sonst herrscht Betriebsblindheit vor. Und Komplimente hört doch jeder gern. Wenn jemand in meinen Geschichten versinken kann, macht mich das glücklich.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Ja, wer historische Romane verschlingt und genug gelesen hat von englischen Rittern, deutschen Wanderhuren und sonstigen inflationär beschriebenen Figuren, sollte mal einen Blick über den Tellerrand hinaus wagen. Außereuropäische Geschichte ist spannend!


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