Interview mit Nicola Förg

© Regina Recht

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Wer im Dezember in einen Allgäuer Winter mit Metern von Schnee geboren ist, wird ein Winterkind. Wer einen Vater hatte, der immer sagte: „Wie du brauchst eine neue Jeans, du hast doch schon eine!“, der aber doch jede Saison bereitwillig einen neuen Ski unter den Weihnachtsbaum legte, der kann nur zur Skifahrerin werden. Was das Kind mit drei Jahren auch besser konnte als geradeaus zu laufen! Das Studium wurde mit „Skilehrern“ verdient, bis in Australien, wo Menschen aus den Alpen ja generell als die gelten, dies drauf haben mit dem Abfahren. Und weil man viele Stunden mit seinem Beruf verbringt, macht es Sinn etwas zu tun, was Freude macht, was die Seele berührt und schöner ist als Fliegen. Ich begann als Redakteurin einer Skizeitschrift und schreibe bis heute in geringem Umfang über Skifahren und Winter. Und auch in den Krimis ist die Jahreszeit ganz entscheidend!

Neben Schnee sind es Tiere, die bewegen. Weil man inmitten von 7 Pferden, 12 Katzen, 5 Karnickeln, 30 Goldfischen, 40000 Bienne und auf einem Hof in Alleinlage sehr dicht dran ist an Tieren und auch Wildtieren. Die in Zeiten einer immer effizienter werdenden Landwirtschaft, inmitten von Agrarwüsten die echten und stillen Verlierer sind. Meine Tierseite (Wochenendjournal im Münchner Merkur) ist deshalb ein Herzensprojekt und Tier – und Umweltschutzthemen stehen auch in den Krimis im Zentrum.

Seit wann schreibst du?

Seit ich es kann! Als Kind in der Schülerzeitung, mit einer Freundin im „Dialog“, als wir uns Geschichten ausdachten, in denen wir zum Beispiel mit den Bay City Rollers um die Welt reisten. Dann bei einer Stadtzeitung in Kempen, als freche Zwanzigjährige anfangs der coolen Achtziger Jahre. Und später als Reise-Journalistin.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Ich habe als Journalistin unzählige Reiseführer geschrieben und Bildbände betextet. Der Wunsch ein belletristisches Buch zu schreiben, liegt nahe. Frauen schreiben ja gerne mal Bücher wie „Beim nächsten Mann wird alles anders“, das ist nicht mein Genre. Als ich vor sechzehn Jahren angefangen habe, Bücher zu schreiben, gab es keine Regionalkrimis im Süden der Republik. Da ich selber gerne Krimis – vor allem englische - gelesen habe, dachte ich mir: Schreib ich einen Allgäu-Krimi. Das war nicht abwegig als Reise-Journalistin, der erste Allgäu-Krimi „Schussfahrt“ hatte auch ein touristisches Thema. Dass heute Tische sich unter deutschen und vor allem südlichen Krimis biegen, hätte sich 2002 keiner gedacht. Damals war die Idee, im Allgäu einen Krimi zu schreiben, exotisch. Regionalverlage, denen ich das Manuskript angeboten hatte, sagten: Schreibens doch lieber Heimatgstanzl. Schussfahrt war als der erste Allgäu Krimi überhaupt eine Initialzündung. Heute, wo jede Gemeinde mit mehr als 500 Einwohnern ein eigenes Ermittlerteam hat, mutet das schon komisch an. Die Geister, die ich rief…

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst? 

Es geht im Leben immer um Prozesse. Ich glaube nicht, dass es viele gibt, die mit 5 Jahren wissen: Wenn ich groß bin, werd ich Gehirnchirurg. Und werden es dann auch! Ich wäre gerne Tierärztin geworden, weil ich ein romantisches Bild davon hatte und gottseidank ein zu schlechtes Abitur. Ich liebte Bücher, die kleine Nicola Förg las. Oder fraß Unmengen von Pferdebüchern. Alle Brittas, die auf Silber siegten und alle Besses, die Ponys bekamen. Die kleine Leserin dachte ernsthaft über eine Auswanderung nach Schweden oder wenigstens England nach, denn dort gab es Ponyhöfe, Ponyturniere, tolle und wahnsinnig weise große Mädchen, die Reitunterricht gaben. Zuhause gab es einen Militäroberst, der durch die Halle brüllte … Nachts las die kleine Nicola Förg unter der Bettdecke oder auch darüber, wenn keine Störung von Eltern drohte, die Nachtschlaf wichtig fanden. Die kleine Leserin fand Britta wichtig! Und wahrscheinlich dachte ich mir damals mal: Wenn ich groß bin, werd ich Schriftstellerin und leb mit vielen Pferden am Wald. Dass es heut so ist, war, wie gesagt ein Prozess. Etwas mit Höhen, Tiefen und Teilstrecken. Und es gibt Begabungen, Talente, wobei ich glaube, dass Begabung das ist, was man in die Wiege gelegt bekam, was genetisch auch verankert ist. Talent ist es, die Begabung zu erkennen und sie auch umzusetzen. Wirklich bewegend schreiben wird der, der diese Begabung nutzt. Talentierte Schreiber schreiben nette Geschichten, denen aber der letzte Zauber fehlt. Und eine Begabung erfordert immer auch viel Arbeit, Einsatz und Disziplin.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

+9 Krimis der Serien um Kommissar Weinzirl, Nummero zehn kommt im Juli 2017.

+8 Krimis mit Irmi Mangold, Nummero 9 kommt im Frühjahr 2018.

+Das wunderbare Katzenbuch „Frau Mümmelmeier erzählt“

+Das Pferdebuch „das Glück der Erde“

+2015 „Glück ist nichts für Feiglinge“, eine Krimikomödie, ein Katzenbuch, ein Island Road Movie, eine Liebesgeschichte… Wo die Protagonistin am Ende etwas findet, wonach sie gar nicht gesucht hat. Ich hatte so viel gemordet die letzten Jahre! Erschossen, erwürgt, vergiftet… der Island Roman ist natürlich eine Hommage an die Insel, aber auch Seelenbalsam: Endlich durfte es ein Happyend geben. Ich mag das Buch sehr.

…und alles in allem eine Auflage von rund 1, 5 Millionen

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Das ist, mit Verlaub, eine unbedachte Frage! Natürlich! Jeder meiner Krimis hat immer ein zentrales Thema, das mich irgendwann einmal angesprungen hat, bewegt, betroffen macht, beutelt… Und da bin ich Journalistin genug, um jedes Themen immer wasserdicht zu recherchieren. Es braucht Tierärzte, Amtstierärzte, Jäger, Biologen, Anwälte, Polizisten – die sich auf ihrem Terrain wirklich auskennen. Ich will ja Fachwissen mundgerecht und ganz launig in einem Krimi unterbringen und da kann man sich nie Halbwissen oder Google Kenntnisse erlauben! An kritischen Themen mangelt es nicht! Die Menschen und die Welt werden immer irrer. Es gibt immer wieder Missstände, die mich aufhorchen lassen. Im Buch „Das stille Gift“, wo es um den irrwitzigen Anbau von Energiepflanzen in Monokulturen geht, wo es sich um die Biogasanalgen rankt, war die Recherche besonders aufwändig. Es bedurfte sehr vieler Gespräche mit betroffenen Bauern und Kennern des Szene. Dazu hatte ich mit Frau Prof. Monika Krüger die ausgewiesene Expertin an der Hand, eher eine Frau, die als Enfant Terrible gilt, weil sie den angesprochenen gekauften Studien immer wasserdichte, ganz andere Ergebnisse entgegen halten. Und im aktuellen Buch „Scharfe Hunde“ geht um den illegalen Welpenhandel! Ich hatte zur Recherche engen Kontakt zu Birgitt Thiesmann von Vier Pfoten, die seit 2009 gegen den Welpenhandel kämpft. Ich war selber bei der Räumung eines Animal Horder Hofes dabei, ich habe viel zu viele Bilder und Videos gesehen. Das sind Bilder, die einen später ohne Vorwarnung anspringen, aber wir alle müssen hinsehen statt wegzusehen und wegzudenken, damit sich etwas ändert! Das ist Recherche und ich muss hinsehen, das bin ich den Tieren und meinen Büchern schuldig!

Wo schreibst du am liebsten?

Es geht gar nicht so um „am liebsten“. Ich empfinde es als großes Privileg diesen Beruf machen zu dürfen. Erfolg zu haben. Aber es ist ein Beruf und ich würde das nicht so hoch hängen. Ich mache meinen Job, so wie die meisten anderen Menschen auch. Und es macht ein wenig demütig, vom Geschichtenerzählen leben zu können. Ich arbeite in meinem Büro am PC und nur dort. Weil es ruhig ist, weil ich ins Internet muss, weil meine Unterlagen dort liegen. Ich bin sehr diszipliniert und beginne meist vor acht Uhr. Also nichts mit auf dem Liegestuhl oder so! Und ein Wort zur Schreibblockade: So etwas hatte ich nie. Ich denke auch, dass einige Schreiber ein wenig damit kokettieren und das Schreiben mystifizieren wollen. Schreiben ist in meinen Augen ein Stück weit auch ein Handwerk, und als konsequent arbeitender Autor gönnt man sich keine Schreibblockade. Wenn man an einer Stelle einen „Hänger“ hat, kann man auch einfach an einer anderen weiterarbeiten oder etwas recherchieren. Panikattacken vor der Blockade sind in jedem Fall kontraproduktiv.

Hast du ein neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Es gibt Irmi neun, es wird um einen toten Vogelschützer gehen, ein Architekt, der sich viele Feinde macht mit seinem Engagement fürs vogelfreundliche Bauen. Und um eine Modebloggerin….

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Ich glaube, es ist ganz schlecht, jemanden kopieren zu wollen. Man blockiert sich eher. Aber man kann andere schätzen, in meinem Fall Hölderlin und Paul Celan, beide bis heute hoch verehrt. Und weniger literarisch: Dick Francis, Minette Walters, Margret Atwood und ich finde Joel Dicker sehr beeindruckend. Mein Lieblingsbuch? Hotel New Hampshire. Mein Lieblingsbuchanfang? Steht im Geisterhaus.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Auch das ist eine etwas krude Frage, weil in meinem Leben alles verschwimmt. Der Arbeitsplatz ist im Haus, die Inspiration liegt in den Tieren, in der Natur, auch in Tätigkeiten wie Pferde-Ausmisten. Oben ist unten… Das Denken und die Ideen begleiten mich auch beim Mountainbiken, Skifahren oder Reiten - oder auch beim Heuwenden! Ich habe keinen nine to five job, wo dann alles abfällt und eine klar definierte Freizeit kommt… Ich war ziemlich weit unterwegs auf der Welt und es gibt definitiv keinen schöneren Platz auf der Welt, als jenes westliche Oberbayern, dort wo es mit dem Ostallgäu flirtet. Würde man eine Landschaft auf dem Reißbrett planen, würde man genau das erschaffen: Seen, grüne Hügel und dahinter hohe Felsenberge. Ich könnte ihnen großartige leere Landschaften in Kanada, Norwegen oder Island nennen, aber da fehlt bei aller Magie eine Zutat: Da gibt es keine Biergärten, keine Berghütten, nicht den Genuss, den wir hier so selbstverständlich finden. Ich kann hinterm Haus losreiten, losradeln, loslaufen, langlaufen. Ich sehe Sterne und die Milchstraße – keine Lichtverschmutzung. Ich habe Platz ohne dem Nachbarn quasi auf dem Grill zu sitzen. Es fließt ein Bach, der noch mäandrieren darf, Pfützen bleiben stehen, aus denen Katzen und Vögel trinken. Meine Welt ist noch unverbaut. Mein Ostallgäu ist ein Gesamtpaket, zum Schreiben schön!

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Es kommen viele E-Mails über meine Homepage. Da bekommt man Hinweise auf Fehler, aber vor allem doch viel Nettes, Positives. Und dann erfährt man natürlich bei den Lesungen viel von und über die Leser. Es ist spannend, wenn Leute sagen und fragen, was sie interessiert. Ich genieße (fast) alle Lesungen, weil das Gespräch mit den Lesern immer sehr fruchtbar ist. Mit am eindrucksvollsten fand ich eine Szene in Augsburg in einer großen Buchhandlung: Ein Mann um die Dreißig, groß, stattlich, tätowiert sagte zu mir ganz betreten: „Frau Förg, wissen Sie eigentlich, dass ich so weinen musste, wegen ihnen?“ Ich etwas irritiert, bis er sagte: „Die Szene, als der Hund der Kommissarin stirbt, war so berührend. Mein Hund ist auch erst kürzlich gestorben.“ Dieser große Kerl hatte dabei Tränen in den Augen. So etwas berührt auch mich und bestätigt mich. Wenn Bücher, die Seele berühren, hat der Schreiberling etwas richtig gemacht!

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Danke, dass ihr eintaucht in diese Bücher. In eine Region, wo Licht und Schatten sehr dicht beieinander liegen. Wo ein gewisses Aufgehobensein und die Hilfsbereitschaft wunderbar sind, aber auch viel Enge in den Köpfen und eine Zweiklassengesellschaft der Ureinwohner und der Zuagroaßten herrscht. Darin liegen die Stoffe, aus dem die Krimis sind. Und ich bin sehr froh, dass ihr meine Themen annehmt und nicht nur Kabarett und Slapstick sucht. Ich mag Menschen nicht vorführen, ich mag ein leichtes Lachen, aber nicht diese schamlosen Klischees. Die Landschaft, das Wetter, die Historie, die Mentalität prägen die Menschen und sind wichtige Zutaten zur Authentizität einer Geschichte, aber „Süd“ heißt doch nicht per se „albern“.


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