Interview mit Raimon Weber

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Ich wurde in der westfälischen Stadt Unna geboren und verbrachte dort eine niemals langweilige Kindheit und Jugend. Heute lebe heute ich nur wenige Kilometer entfernt in einem kleinen Ort. Gemeinsam mit meiner Familie und der Katze Fräulein Brigitte.

Seit wann schreibst du und wie bist du zum Schreiben gekommen?

Da muss ich ungefähr dreizehn gewesen sein. Es ging um wilde Abenteuer im All oder wahlweise den Untergang der Menschheit.

Meinen ersten Roman, der ein halbes Dutzend Schulhefte füllte, nannte ich „Krieg der Welten“. Entschuldigung, H. G. Wells! Fragen des Urheberrechts waren für mich wohl noch nicht so relevant wie heute.

Damals erhielt ich auch meinen Leseausweis für unsere Stadtbibliothek. Ein echtes Schlüsselerlebnis. Da gab es so unglaublich viele Bücher auf vier Etagen. Das reinste Paradies! Vielen Dank nochmals für diese großartige Einrichtung.

Mit den klassischen Kinder- und Jugendbüchern konnte ich allerdings nicht so viel anfangen. Ein paar Jahre zuvor bekam ich einen „altersgemäßen“ Roman geschenkt, in dem eine Horde Kinder einem Bonbondieb auf der Spur war. Das war damals schon zu öde für mich und prägte langfristig meine Einstellung zu dem Genre. Ich verschlang lieber Sachbücher über Mittelalter und Pestilenz, das Sonnensystem und Schiffskatastrophen.

Dann stieß ich auf die Literaturgattung Science-Fiction. Das war wenig später im Italienurlaub mit meinen Eltern. Da ich bei starker Sonneneinstrahlung flugs verkohle, verbrachte ich die meiste Zeit mit Lesen unter einem Sonnenschirm. Als mir die Lektüre ausging, kaufte ich am Kiosk meinen ersten SF-Roman. Ich weiß noch, dass es dort bei kleinen Wechselgeldbeträgen Drops oder Heftpflaster anstelle von Münzen gab. Der Roman hieß „New York 1999“ und war von Harry Harrison. Ein dystopisches Werk vom Feinsten. Auch wenn mir damals die Begriffe Dystopie oder Anti-Utopie überhaupt nicht geläufig waren.

Auf jeden Fall verlangte ich umgehend Nachschub. Harry Harrison brachte mich zur Belletristik, aber ein anderer Autor veranlasste mich dazu, selbst schreiben zu wollen. John Christopher! Da haben wir das zweite Schlüsselerlebnis. Wieder in meiner geliebten Stadtbibliothek. Ich suchte die Regale nach Lesestoff ab und entdeckte folgenden Titel auf einem Buchrücken: „Dreibeinige Monster auf Erdkurs“. Nun kann man den Übersetzern vorwerfen, ziemlich reißerisch vorgegangen zu sein. Der englische Originaltitel lautet „The white mountains“.

Aber welcher Zwölfjährige hätte nach den weißen Bergen gegriffen? Ich nicht! Aus Unkenntnis und schlechten Erfahrungen heraus, hätte ich auf Alpenidyll oder den Wilden Westen getippt. Beides war nicht mein Ding. Deshalb muss ich mich für den „monstermäßigen“ Titel bedanken, denn ohne ihn wäre mir dieser grandiose John Christopher verborgen geblieben. Ich verschlang all seine Bücher. Die für Jugendliche und Erwachsene.

Er schreibt nicht nur absolut fesselnd, sondern ist auch gleichzeitig ein Humanist. Freiheit, Freundschaft und Widerstand gegen Unterdrückung sind die Themen seiner Werke. Ohne John Christopher hätte mich vielleicht nie die Leidenschaft gepackt, eigene Bücher zu verfassen. In unsere Stadtbibliothek gehe ich heute noch regelmäßig. Geändert hat sich lediglich, dass dort nun auch meine Bücher in den Regalen stehen. Das hätte ich mir niemals träumen lassen.

Mit vierzehn hatte ich meine erste Veröffentlichung. Und meine erste Erfahrung mit ZENSUR! Ich schrieb eine Geschichte für die Schülerzeitung. Aus einem Grund, der mir entfallen ist, streitet ein Ehepaar heftig miteinander. Auf dem Höhepunkt des Konflikts erschlägt die Frau ihren Gatten mit einem Aschenbecher aus Marmor.

Ich war am Tag der Veröffentlichung völlig aus dem Häuschen.

Doch als ich die Zeitung aufschlug, musste ich schockiert feststellen, dass der Schluss geändert worden war. Kein Schädel wurde eingeschlagen, stattdessen Versöhnung nach kurzer Debatte. Als ich meinen Deutschlehrer, der die Redaktionsaufsicht führte, darauf ansprach, meinte er nur: „Raimon, das ist besser so.“ Aufsehen erregte meine Erstveröffentlichung so jedenfalls nicht. Aus Rache habe ich den Deutschlehrer in einem meiner späteren Romane ziemlich alt aussehen lassen.

Ab wann wusstest du, dass du Autor werden willst?

Seit damals. Also mit dreizehn, vierzehn Jahren. Aber zuerst war das natürlich nur ein Hirngespinst. Schließlich musste man irgendwann einen „vernünftigen“ Beruf erlernen. Was ich dann auch tat. Sehr zur Erleichterung meiner Eltern. Allerdings waren sie nicht ganz unschuldig an meinem späteren Dasein als Autor.

Ich konnte schon früh, die für meine spätere Arbeit anregenden Filme sehen. Da meine Familie regelmäßig am Abend vor dem Fernseher einschlief, musste ich mich nur still verhalten, bis irgendwann Weltraummonster, Bela Lugosi oder Vincent Price auf dem Bildschirm auftauchten. Alfred Hitchcocks Werke gehörten auch schnell zu meinen Favoriten. Alle betrachtet aus dem Schutz einer Wolldecke, die ich mir bis über die Nase zog.

Ich war schon immer ganz gut darin, mich selbst zu beschäftigen. Dazu brauche ich keine Hilfsmittel, nur meine Fantasie. Wenn ich als Kind mit meinen Eltern die obligatorischen Waldspaziergänge machen musste, stellte ich mir dabei vor, auf einem Dschungel-Planeten mit bitterböser Flora und Fauna abgestürzt zu sein. Meine Strahlenkanone hatte nur noch für drei Schüsse Energie und der Stützpunkt der Galaktischen Allianz war noch zehn Tagesmärsche entfernt. Es würde also ein Marsch durch die Hölle werden.

Mitte der Neunziger beschloss ich dann, mein Leben zu verändern. Nach all den Jahren in einem normalen Beruf widmete ich mich wieder dem Schreiben.

Zum Glück unterstützte mich meine Familie.

Ich konnte bei einem kleinen Verlag mein erstes Buch veröffentlichen und wurde darüber als Autor von Hörspielen entdeckt.

Richtig Schub bekam die Sache aber erst mit dem Roman „Eis bricht“.

Ich weiß noch, wie ich vor einem sehr großen, sehr düsteren und sehr tiefen Teich stand. Augenblicklich entstand in meiner Fantasie folgendes Bild: Winter, der Teich ist zugefroren, Schneeverwehungen zeichnen ein bizarres Muster auf der Eisfläche. In der Mitte, weit weg vom Ufer, steht ein Mädchen. Und dann beginnt dieses kleine Mädchen damit, auf der Stelle zu hüpfen. Aus der Vogelperspektive sehen wir, dass sie bereits von feinen Rissen im Eis umgeben ist. Wie ein Adergeflecht, das sich immer weiter ausbreitet. Erst war dieses Bild in mir, dann entstand daraus die Story zum Roman „Eis bricht“.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Eine ganze Menge. Eine größere Leserschaft wurde durch „Eis bricht“ auf mich aufmerksam. Was natürlich auch an den Vertriebsmöglichkeiten eines großen und renommierten Verlagshauses wie Ullstein liegt. Bei Ullstein folgten dann die Thriller „Kuckucksmörder“ und Ende letzten Jahres „Die Blutmauer.“

Ein anderes Genre bediente der Roman „ADAM – Die letzte Chance der Menschheit“ im Baumhaus-Verlag von BasteiLübbe. Die Handlung spielt in der nahen Zukunft in Südafrika. Nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora ist eine neue Eiszeit angebrochen.

Europa, Nordamerika und weite Teile Asiens sind unbewohnbar geworden. In Südafrika kämpft man mit dem Rücken zur Wand ums Überleben. Hinzu kommt, dass der Rest der Menschheit nun von Kräften bedroht wird, deren Existenz man längst vergessen glaubte.

Der Vulkan Tambora brach tatsächlich schon mal im Jahre 1815 aus. Asche und Staubteilchen wurden durch Luftströmungen um den gesamten Erdball verteilt und beeinträchtigten die Sonneneinstrahlung. Missernten und Hungersnöte in Europa und Nordamerika waren die Folge. Das folgende Jahr 1816 ging als das berüchtigte „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Mary Shelley schrieb unter dem Eindruck des düsteren Wetterphänomens ihren Roman Frankenstein.

Ich veröffentlichte noch eine Reihe weiterer Romane und die bisher zehnteilige Serie „Die geheimen Akten des Sir Arthur Conan Doyle“.

Wir begleiten Sir Doyle – den Erfinder von Sherlock Holmes – auf lebensgefährliche Reisen von den heiligen Hallen der Universität von Oxford bis zum Zarenhof in Sankt Petersburg und weiter bis in die Weiten Sibiriens.

Mich reizte Arthur Conan Doyle als Figur meiner fiktiven, aber oftmals an historischen Ereignissen angelehnten Geschichten. Doyle war nicht nur Arzt und Autor, sondern wurde in späteren Jahren tatsächlich Mitglied der „Gesellschaft für Parapsychologie“. Er unternahm zahlreiche Reisen auf den Spuren des Okkulten.

Er ist herrlich für mich, in die Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts einzutauchen. Der Globus weist noch weiße Flecken auf, Computer und Handys sind nicht existent und Aberglaube ist noch weit verbreitet.

Die Geschichten sind als Hörbücher, E-Books und in einem Sammelband in gebundener Ausgabe erschienen. Und zu meiner großen Freude wurden sie für Großbritannien und die USA ins Englische übersetzt.

Außerdem verfasse ich weiterhin Hörspiele. So gehöre ich zu den Autoren von Serien wie „Darkside Park“, „Porterville“ oder „Monster 1983“.

Eine genaue Übersicht gibt es übrigens bei Wikipedia.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Unbedingt. Für meinen letzten Roman „Die Blutmauer“ verbrachte ich viel Zeit in Potsdam. Die Handlung spielt in der Zeit unmittelbar nach dem Mauerfall. Bei diesem sensiblen Thema wollte ich mir keine Fehler erlauben. Nun ist das wunderschöne Potsdam beinahe schon zu meiner zweiten Heimat geworden. Ich stieß dort auf unglaublich viel Unterstützung. Seitens der Medien, des Stadtarchivs oder der Polizei. Man verschaffte mir Zugang zur ehemaligen Gerichtsmedizin, die sich 1989 noch im Schloss Lindstedt befand. Dieses Gebäude liegt mitten im Wald und bot optisch geradezu eine Steilvorlage. Nicht ohne Grund wurde dort schon für Resident Evil gedreht. Ich lernte Zeitzeugen kennen, die damals in streng bewachten Sperrgebieten wohnten. Oder ehemalige Volkspolizisten, die mir ungeahnte Einblicke in ihre kriminalistische Arbeit erlaubten.

Der Satz „Lassen Sie mich durch, ich bin Autor“ scheint zu funktionieren. Schon früher gelangte ich an Orte, die viele nie kennenlernen werden oder auch besser niemals kennenlernen möchten. Ich sprach mit inhaftierten Serientätern, besuchte eine Verbrennungsanlage für amputierte Gliedmaßen und lernte Dank der Hilfe von Experten eine Menge über Phobien.

Als Chrometophobie bezeichnet man übrigens die chronische Angst vor Geld. Wer an Barophobie leidet, fürchtet sich vor der Schwerkraft. Beides dürfte im Alltag äußerst lästig sein.

Wo schreibst du am liebsten?

Ich schreibe fast ausschließlich in meinem Büro in einem uralten Fachwerkhaus. Boden und Wände sind so schief, dass ich anfangs immer das Gefühl hatte, ich wäre auf einem Schiff bei mittlerem Seegang.

Dort bin ich von allem umgeben, was mir fürs Schreiben wichtig ist. Dazu gehört, neben vielen Nachschlagewerken und individueller Einrichtung, natürlich Musik. Ich schreibe fast immer mit musikalischer Untermalung. Je nach Stimmung reicht die Bandbreite von Deep Purple bis Carl Orff.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Ich beginne gern am frühen Morgen. Wenn die Welt noch ganz still ist. Eine erste Tasse Kaffee, ein kurzer Blick in die Nachrichten, dann geht es los.

Die Jahreszeiten scheinen mich auch zu beeinflussen. Herbst und Winter sind meine produktivsten Phasen. Ich liebe es, wenn ich morgens in den Garten gehe und der Frost auf Gras und Bäumen glitzert.

Hast du ein neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Ein umfangreicher Roman zur Serie „Die geheimen Akten des Sir Arthur Conan Doyle“ ist geplant. Darauf freue ich mich schon sehr. Der gute Arthur ist mir richtig ans Herz gewachsen.

Die Handlung wird kurz nach dem 1. Weltkrieg spielen und ihn nach Russland und Skandinavien führen. Natürlich ist er finsteren Mächten auf der Spur.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Wie ich schon erwähnte, war es John Christopher, der mich ans Schreiben brachte. In jungen Jahren wollte ich so schreiben wie er. Im Laufe der Jahre entfernte ich mich dann aber thematisch und stilistisch immer weiter von ihm.

Ich denke, es ist wichtig, einen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Wobei man natürlich immer gewissen Einflüssen unterliegt. Sei es bewusst oder unbewusst.

Ein Kritiker behauptete mal, ich sei ein Vertreter des „Hamburger Dogma“. Mir war dieser Begriff bis dahin allerdings gar nicht geläufig. Jedenfalls verzichtet der Schreiber bei diesem Dogma auf unnötiges Beiwerk oder zu weitläufige Ausschmückungen. Jede Seite, jedes Wort zählt.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Immer noch John Christopher. Alle seine Werke – egal ob Jugend- oder Erwachsenenbelletristik – stehen daheim in einem besonderen Regal.

Ich schätze Stephen King für seine detaillierte Erzählkunst. Er macht allein schon aus der Beschreibung einer Küche ein gelungenes Abenteuer.

Zu meinen Lieblingsbüchern gehört „Die Herren des Hügels“ von Niccolò Ammaniti. Ein neunjähriger Junge stößt in den einsamen Weiten der süditalienischen Kornfelder auf das Opfer einer Entführung. Packend, emotional und so intensiv geschrieben, dass man beim Lesen die flirrende Hitze über dem Land geradezu spüren kann.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Ich sitze gern im Café und beobachte die Menschen. Zuhören lohnt sich auch immer. Garantiert kommt ein Bekannter zu einem Plausch vorbei.

In erster Linie bin ich ein Familienmensch. Daher verbringe gern viel Zeit im Kreis der Lieben.

Seit geraumer Zeit habe ich meine Neigung zum Kochen entdeckt. Ich behaupte mal frech, dass meine koreanische Gemüsesuppe ein echter Knaller ist.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Alles was wirklich wichtig ist, habe ich erreicht. Damit meine ich vor allem im familiären Bereich. Aber ich würde gern einfach noch viele Bücher schreiben. Wenn die dann auch noch der Leserschaft gefallen, gibt es keine Steigerung mehr.

Vielleicht lege ich mir irgendwann wieder ein Schlagzeug zu und rufe die Jungs aus der alten Band zusammen. Das wird sicher ein großer Spaß!

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Ganz enorm wichtig! Ich kann nie wirklich beurteilen, ob das, was ich gerade schreibe, wirklich gut ist. Dieser Prozess ist ständig von Zweifeln begleitet. Selbst wenn das Lektorat den Daumen hebt, kommt es immer auf die Reaktion der Leser an. Nur sie entscheiden letztendlich, ob ich alles richtig gemacht habe. Oder was ich hätte besser machen sollen.

Es ist schon immer sehr aufregend auf die ersten Kommentare zu warten.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Passen wir alle gut aufeinander auf. Lesen, was uns gefällt und genießen das Leben.

Und hüten wir uns vor Intoleranz und denen, die sie verbreiten.


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