Interview mit Ulrike Bliefert

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Aber gern!

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Ich bin „von Haus aus“ Schauspielerin (vorwiegend Fernsehen und Film; Theater spiele ich seit Anfang der 80er nicht mehr) lebe manchmal in Berlin und meistens in einem kleinen Dorf in Mecklenburg; ich bin verheiratet mit meinem Kollegen Laszlo I. Kish und habe eine Tochter, Anna Luise Kiss, ihres Zeichens Medienwissenschaftlerin.

Besonderheit: Ich lese lieber englischsprachige als deutschsprachige Literatur, schaue zu 99% englischsprachige Serien (z.B. auf Netflix - einen Fernseher hab ich gar nicht mehr), und wenn das mit der Reinkarnation stimmt, möchte ich das nächste Mal bitte wieder in Groß Britannien geboren werden ;o)

Seit wann schreibst du?

Naja, seit meine Oma mir das Schreiben beigebracht hat; da war ich fünf Jahre alt. - Nee, natürlich hab ich professionell erst viel, viel später angefangen zu schreiben. Genauer 1986; da allerdings ausschließlich Drehbücher. Mit dem Schreiben von Romanen hab ich erst 2006 begonnen.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Ich hatte Ende der 90er Jahre die Nase vom Drehbuchschreiben gestrichen voll: Wer noch ein Jahr zuvor als Kaffeeholer*in unterwegs war, kritzelte plötzlich in Deine Texte rein und versaubeutelte ungestraft Figuren, Dialoge und Inhalte. Das heißt: im Laufe der 90er Jahre wurden Drehbuchautor*innen in zunehmendem Maße lediglich als „Schreibvieh“ betrachtet; ihnen wurde jede Fachkompetenz und vor allen Dingen jede Oberhoheit über die Werke, die ja schließlich unter ihrem Namen erschienen (!), aberkannt. Ich hab mich nur noch fremdgeschämt über das, was mir gänzlich unbekannte Dritte in meinen Dialogen herumgeschwurbelt haben!

Das ist im Literaturbereich zwar manchmal ähnlich, aber bei weitem nicht so dramatisch: Wenn ein/-e Lektor*in anderer Meinung ist, kann er oder sie das durchaus vehement vertreten, aber die finale Entscheidung liegt bei der Autorin oder dem Autor.

Gottseidank hat man in den Sender-Etagen und bei den Produktionsfirmen langsam begriffen, dass man mit „Schreibvieh“ auf die Dauer keinen Staat machen kann, zumal, nachdem immer mehr - nicht nur - junge Leute zu streaming-Anbietern wechseln. Aufgrund dieser Entwicklung habe ich jetzt auch wieder damit angefangen, Drehbücher zu schreiben.

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst?

Das wusste ich gar nicht ;o) Ich habe einem befreundeten Drehbuchautor zuliebe für eine Serie recherchiert und einen ersten Entwurf für eine Folge geschrieben. Den gab ich - natürlich mit Kenntnis des Kollegen - der damaligen Besetzungschefin des WWF (= damals das Vorabendprogramm des WDR), mit der ich - als Schauspielerin - befreundet war. Die gab das Manuskript an meinen späteren väterlichen Freund und Mentor Horst Riesenfeld, Inhaber der Produktionsfirma Rhewes-Film in Köln - weiter, und - schwupp! - bekam ich einen Anruf: „Wollen Sie nicht eine Serie für uns schreiben?“ Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft …

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

2007 “Lügenengel“ Jugendroman/Thriller, ARENA-Verlag

ISBN: 3401060864 (auch als Hörbuch erhältlich, ISBN 3401260863)

2008 “(K)ein Junge wie Paul(a)“ Jugendroman ARENA-Verla ISBN 9783401062273

Neuauflage 2011 mit neuem Titel (“Voll verliebt im Tor“) und neuem Cover bei ARENA Taschenbuch

ISBN 3401066595 (auch als Hörbuch erhältlich, ISBN 3401262270)

2010 “Elfengrab“ Jugendroman/Thriller THIENEMANN-Verlag ISBN 3522200829

2012 erschienen als TB im ARENA-Verlag ISBN-10: 3401502158

2011 “Bitterherz“, Thriller (ohne Altersangabe) THIENEMANN VERLAG,

2012 erschienen als TB im ARENA-Verlag ISBN-10: 3401503588

2012 “Eisrosensommer“, Jugendroman/Thriller ARENA-Verlag ISBN-10: 3401067230

2013 "Schattenherz", Jugendroman/Thriller ARENA-Verlag ISBN-10 3401068768

2014 "Der Kuss der Grünen Fee", (Hrsg.) Anthologie, DRYAS-VERLAG ISBN 3940855510

HOMER-Literaturpreis f. hist. Literatur 2015

2015 "Champagner, Charleston und Chiffon", Hist. Roman, LÜBBE ENTERTAINMENT, erschienen im Kontext zweier Romane anderer Autorinnen innerhalb eines interaktiven Pilotprojekts ("Metropolis Berlin") ASIN: B00TPR8A74

Kurzkrimis

2011 “Nikes letzter Sieg“ Kurzkrimi in der Anthologie “Berlin Blutrot“

Kölnisch-Preussische Verlagsanstalt, Köln ISBN 978-3-940610-13-3

2011 “Geständnis bezüglich gewisser Vorkommnisse...“ Kurzkrimi in der Anthologie “Mördchen fürs Örtchen“, KBV-Verlag, Hillesheim ISBN 394244609X

2012 "Mutschels Abgesang" (Kurzkrimi) Rattenreiter-Verlag, Berlin ASIN: B006L97MWS

Dt. E-book-Preis 2012

"Paula, Veruschka und ich", Kurzkrimi in der Anthologie "Mutters Mordkompott", Leda-Verlag, Leer

ISBN 9783864120183

2013 "Vergissmeinnicht und Männertreu", Kurzkrimi in der Anthologie "Mausetot in Spreeathen, Buchvolk-Verlag, Leipzig

ISBN 3981560493

2013 "Es kommt ein Schiff geladen" Kurzkrimi in der Weihnachtsanthologie "Stille Nacht", ARENA-Verlag, Würzburg

ISBN 3401068938

2014 "Cherchez la femme" und - unter dem Pseudonym Lisa Lohtander - "Magdalenas Tagebuch". Dryas-Verlag, Frankfurt

ISBN 3940855510

2015 "Samuel 2", hist. Kurzkrimi in der Anthologie "Wellengang und Wattenmorde", Wellhöfer-Verlag, ISBN 3954281635

2015 "Ritas Fluch", Kurzkrimi in der Anthologie "Törtchen Mördchen", KBV-Verlag, Hillesheim, ISBN 978-3-5441-260-0

erscheint Sept./Okt.

2015 "Rauhnacht", Kurzkrimi in der Anthologie "Tödliche Zimtsterne", Leinpfad Verlag, Ingelheim ISBN 978-3945782071

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Recherchieren ist - sozusagen - mein Hobby. In „Champagner, Charleston und Chiffon“, das wegen der Kompatibilität mit zwei weiteren Autor*innen kalendarisch aufgebaut ist (s. https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/specials/metropolis-die-goldenen-20er-jahre-in-berlin/id_5522185), stimmt z.B. das Wetter des jeweiligen Datums, und - nur um ein Beispiel zu nennen: sogar die Namen der Pferde mitsamt denen ihrer Jockeys an einem bestimmten Renntag 1926 in Hoppegarten sind - sehr mühsam, aber erfolgreich - recherchiert worden. Von der Besetzung der Uraufführung eines im Roman genannten Theaterstücks bis zur anschließenden Kritik dazu in der Vossischen Zeitung ist alles dem „wahren Leben“ entnommen.

Aber auch Geschichten, die heute spielen, werden genau recherchiert: Für das einzige Buch, das ich für jüngere Kinder (ab 9) geschrieben habe („(K)ein Junge wie Paul(a)“ aka „Voll verliebt im Tor“), war ich mehrere Male zu Gast bei der Nachwuchsmannschaft von Hertha BSC, und die beschriebene Villa in Köpenick existiert ebenso wie das genannte Gymnasium, und alle genannten U- und S-Bahnanschlüsse von A nach B sind „echt“ ;o)

Wo schreibst du am liebsten?

Im Herbst und Winter an einem großen, altehrwürdigen Eichenschreibtisch in unserem Bauernhaus in Mecklenburg, bei knisterndem Kaminfeuer und mit drei schnurrenden Katzen als Inspirationshilfe.

Im Frühjahr und Sommer unter den Kirschbäumen im Garten unseres Bauernhauses, bei Storchenklappern und Froschquaken und ebenfalls mit jenen drei schnurrenden Katzen als Inspirationshilfe.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Ja. Nach ein bis drei Tassen schwarzen Kaffees gnadenlos um 10 Uhr morgens loslegen - egal, ob mir was einfällt - und um 3 Uhr nachmittags den Computer zuklappen - es sei denn, es läuft gerade so gut, dass ich unbedingt weiterschreiben muss.

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Ja, klar! Im Moment schreibe ich zwar noch an einer TV-Familienserie, aber im Herbst geht es an das neue Romanprojekt. Anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Frauenwahlrechts in Deutschland (November 2018) schreibe ich im Auftrag des Dryas-Verlags einen historischen Roman über eine junge Deutsche, die es über den Umweg aus dem damaligen (1912) Deutsch-Ostafrika nach London verschlägt, wo sie sich der Suffragetten-Bewegung anschließt. Da die Frauenbewegung in Deutschland sehr uneinheitlich war - von den Sozialistinnen bis zu konservativ-christlichen Vereinigungen - und der Begriff „Suffragette“ sofort die entsprechenden Assoziationen hervorruft, habe ich mich mit dem Verlag auf den Schauplatz London geeinigt.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Ja. Ruth Rendell, wenn es um Krimis oder Thriller geht und Umberto Eco hinsichtlich historischer Romane. Beide haben eine unverwechselbare Art zu schreiben und beide sind sprachlich einfach virtuos!

Das heißt nicht, dass ich versuchen würde, eine(n) von beiden zu kopieren, aber wenn es eine Qualitäts-Messlatte gäbe, läge sie bei Rendell und Eco und nicht bei Verfasser*innen „historischer“ Romane, die allen Ernstes ihre Protagonistin im Mittelalter ihre Haare frottieren (!) oder anno 1200 ein des Bücherlesens fähiges Bauernmädchen (!) mit einer dreihundert Jahre vor Gutenberg und Luther gedruckten (!) Bibel in deutscher Sprache (!) unterwegs sein lassen. Beides konkrete Beispiele der inflationären „Mittelalterroman-Welle“, die den historischen Roman als Genre leider nachhaltig in die unterste Literatur-Schublade wandern ließ.

Was sind deine Lieblingsb¸cher und Lieblingsautoren?

Naja, siehe oben: Ruth Rendell und Umberto Eco. Und ich habe lange bevor es die TV-Serie „Game of Thrones“ gab, alle bisher erschienenen Bände von „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin gelesen. Fantasy-Literatur ist eigentlich nicht mein Interessengebiet, aber George R.R. Martin ist für mich einer der größten Erzähler unserer Zeit. Außerdem lese ich häufig Fachliteratur aus den Bereichen Politik, Soziologie und Psychologie, aber da gibt es natürlich keine(n) besonders bevorzugte(n) Autor*innen.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Gärtnern, Stricken, Katzen streicheln … ;o)

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Neben den üblichen Wünschen hinsichtlich Familie und Gesundheit? Ich möchte noch ein (drittes) Mal nach Indien reisen und ein zweites Mal die große Südengland-Rundreise, die mein Mann und ich 1990 gemacht haben, absolvieren. Und zwar im Juni/Juli, wenn in den Gärten des National Trusts die Rosen blühen: Von Dover nach Land´s End und zurück: Ein Traum!

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Ich glaube, das ist für jede(n) Autor*in enorm wichtig, auch wenn wir letzten Endes von Verlagsentscheidungen bzw. von der Marktforschung abhängig sind und nicht einfach ins Blaue hinein etwas schreiben können, was unserer Ansicht nach infolge des Dialogs mit unseren Leser*innen gewünscht wird.

Am aussagekräftigsten ist für mich das Live-Feedback bei Lesungen, und ich reserviere dafür wann immer möglich die entsprechende Zeit. Aber natürlich sind alle Rezensionen - sei es von Journalist*innen, Blogger*innen oder Einzelpersonen - wichtig für uns Autor*innen. Ich kenne niemanden, der die entsprechenden „Rezis“ ignoriert.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Bitte, gern! Und ich möchte in der Tat etwas loswerden: Bitte schließt nicht vom Cover auf den Inhalt eines Buches! Es gibt großartige Cover auf mittelprächtigen Büchern und grauenvolle Covers auf großartigen Büchern! Die Covergestaltung wird bei annähernd allen Verlagen ohne Zutun der Autor*innen vorgenommen und ist insofern nicht als eine Art optische Aussage der Verfasser*innen zu betrachten. Das gleiche gilt für Klappentexte; auch die sind in den seltensten Fällen mit den Autor*innen abgesprochen. Mein Tipp also: Nehmt Euch die Zeit, ein paar Seiten im Buch selber zu lesen, bevor Ihr Euch zum Kauf entscheidet!

Herzlich: Ulrike


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