Interview mit Tessa Korber

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten :)

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Hallo, mein Name ist – und da fängt es schon an: Ich heiße Tessy Korber. Schon mein erster Verleger befand, dass Tessy zu sehr nach Kosename klänge und machte Tessa daraus. Tessa Korber steht bis heute auf meinen Büchern. Und so rufen mich auch die meisten. Auch wenn ich nach zwei Heiraten inzwischen ganz anders heiße. Dazu kommen diverse Pseudonyme, unter denen ich geschrieben habe und schreibe: Charlotte Winter, Sophia Palmer, Franka Vilette, Serena David zum Beispiel. Ich habe in Erlangen Germanistik und Geschichte studiert, wurde promoviert und hatte seinerzeit auch dazu angesetzt, mich zu habilitieren, also eine Professur anzustreben. Aber ich hatte bereits ein Kind und einen Job, um selbiges zu ernähren. Und als ich vor der Wahl stand, so ganz nebenbei, also nachts, einen zweiten Roman zu schreiben oder eine wissenschaftliche Arbeit, habe ich mich für den Roman entschieden. Seitdem gehe ich den Weg der freiberuflichen Autorin und habe die Entscheidung nicht bereut.

Ich schrieb anfangs Historische Romane, auch Historic Fantasy, später Krimis, weil ich mich da freier fühlte. (Es muss dort kein Happy End geben). Dazu gebe ich Anthologien heraus, schreibe Kurzgeschichten, arbeite als Lektorin, freie Mitarbeiterin für die Zeitung hier wo ich lebe (das ist in Unterfranken im Landkreis Kitzingen), halte Seminare für Kreatives Schreiben und Lesezirkel. Ihr seht schon: alles rund um Bücher, um Lesen und Schreiben. Ich war von Anfang an das stille Mädchen, das viel las, später die begeisterte Literaturstudentin und bin und bleibe ein Büchernarr. Meine einzige Sucht – neben Cola – ist das Bücherkaufen. Wenn es mir schlecht geht, besuche ich lieber eine Buchhandlung als den Arzt. Meist hilft es.

Ich habe zwei Söhne, auf die ich sehr stolz bin. Der ältere studiert und geht jetzt nach Japan. Der jüngere ist Autist und lebt in einer Wohngruppe, über ihn und mich habe ich ein Buch geschrieben, „Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können“. Es ist sehr persönlich, aber das musste es, um ehrlich zu sein. Und ehrlich musste es sein, damit andere etwas davon haben und daraus lernen können. Simons Autismus hat sein und mein Leben stark geprägt. Er kann inzwischen sagen (d.h. Gestützt tippen): „So ist mein Leben eben. Ich finde es viel fantasievoller als normal.“ Ist er nicht großartig?

Seit wann schreibst du?

Seit 1998, also in Romanform. Tagebuch, Briefe, Gedichte, Ansätze zu Geschichten habe ich immer schon verfasst, so lange ich schreiben kann.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Im Studium dann kam eine Freundin auf mich zu und meinte, wir sollten doch mal versuchen, gemeinsam einen Historischen Roman zu schreiben. Was es in der Richtung gab, fanden wir zumeist sehr schlecht (wir haben uns mal kichernd eine Sex-Szene laut vorgelesen; mein Gott, war die peinlich). Und wir wollten sehen, ob wir es besser könnten. Sie sprang nach einer Weile von dem Projekt ab, ihr fiel das Schreiben zunehmend schwerer. Bei mir war es umgekehrt: Es wurde leichter, und der Spaßfaktor stieg. Das Projekt hielt mich aufrecht in der harten Zeit der Doktorarbeit, wenn ich abends noch einmal an den PC ging, und in eine andere Welt abtauchen durfte. Das dauerte alles in allem drei Jahre und hätte nirgendwohin geführt, wenn ich nicht durch Zufall an eine Agentin gekommen wäre. Der Freund eines Freundes machte ein Praktikum in der Literaturagentur Graf&Graf in Berlin. Eigentlich wollte ich ihn nur fragen, ob er sich mein Anschreiben an die Verlage mal ansehen könnte. Weil ich nur Absagen bekommen hatte. Meine Post landete auf dem Schreibtisch seiner Chefin, weil er einen Urlaubstag hatte. Karin Graf las meinen Text und bot an, mich zu vertreten. Einen Monat später hatte ich drei Verlagsangebote, zwei von Verlagen, die mich bis dahin abgelehnt hatten. Ab da ging es weiter und weiter. Sie hat mich immer gut betreut; und mir gingen die Ideen nicht aus. Bisher kommen so an die dreißig Bücher zusammen.

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst? 

Ab dem ersten Buch. Es war unglaublich, es in Händen zu halten, mit meinem Namen drauf. Und sie wollten ein zweites! Wenn man damit erst einmal angefangen hat, ist es schwer, wieder aufzuhören. All die Ideen, die darauf warten, umgesetzt zu werden. Die Welt ist so voller Geschichten, man kann keinen Schritt tun, kein Gespräch führen, ohne über sie zu stolpern. Dazu all die Figuren, die in deinem Kopf zu sprechen beginnen - auch wenn sie vermeintlich noch gar nicht dran sind und die Klappe halten sollten. Den Flow beim Schreiben spüren, wenn man die Zeit und alles um sich herum vergisst. Etwas zu schaffen, was vorher nicht da war, ganz aus sich selbst.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Bibliographie Krimis:

2000 Toter Winkel, Aufbau

2001 Tiefe Schatten, Aufbau

2003 Falsche Engel, Aufbau

2004 Triste Töne, Aufbau

2005 Kalte Herzen, Aufbau

2007 Teurer Spaß, Aufbau

2010 Das Leben ist mörderisch, ars vivendi

2011 Todesfalter, ars vivendi

2012 Gemordet wird immer, btb

2013 Die Saubermänner, ars vivendi

2014 Zum Sterben schön, btb

2016 Die Katzen von Montmartre, btb

2017 Das Leben ist mörderisch, ars vivendi

Herausgeberschaften Krimis:

2011 Fiese Morde aus der Provinz, ars vivendi

2013 Auf leisen Pfoten kommt der Tod, ars vivendi

Bibliographie Sachbücher:

2012 Ich liebe dich nicht, aber ich möchte es mal können, Ullstein

Bibliographie Historische Romane/Historische Fantasy:

1998 Die Karawanenkönigin, Pendo

2000 Die Kaiserin, Pendo

2001 Der Medikus des Kaisers, Pendo

2003 Berenike, Pendo

2005 Die Königin von Saba, Eichborn

2007 Die Magd und die Königin, Eichborn

2008 Die Hüterin, Lübbe

2009 Das Erbe der Schlange, Lübbe

2012 Das letzte Lied des Troubadours, Lübbe

Unter Pseudonym:

2004 Franka Villette: Die Frau des Wikingers, Rowohlt

2005 Franka Villette: Das Dorf der Mütter, Rowohlt Original-TB

2005 Sophia Palmer: Die Herrin der Gaukler, Aufbau

2006 Franka Villette: Odinstochter, Rowohlt Original-TB

2008 Charlotte Winter: Die Herrin der Pferde, Wunderlich

2008 Alice Braga: Das Dorf der Unsterblichen, Rowohlt Original-TB

2011 Serena David: Meerestochter, Rowohlt TB 

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Allerdings. Die historischen Romane haben das massiv erfordert, bis zu einem Jahr habe ich mich durch Bibliotheken und Archive gerödelt, Ausgrabunspläne abgezeichnet und alte Keramik in Museen fotografiert. Inklusive Reisen nach Syrien oder in die Türkei (Ich war für den ersten Roman „Die Karawanenkönigin“ in Palmyra, das der IS inzwischen halb zerstört hat. Ob man da überhaupt noch hin kann?)

Aber auch die Krimis erfordern Recherche. Es ist wichtig, dass sie glaubwürdig sind und funktionieren. Allerdings gehe ich dafür nicht so viel in Archive und Bibliotheken, sondern hinaus in die reale Welt vor Ort, fotografiere, schreite ab und überlege, wie ich die Dinge tun würde, die hier geschehen. Ich rede auch mit Menschen und befrage Fachleute.

Wo schreibst du am liebsten?

An meinem Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer, auf meinem alten, häßlichen Bürostuhl, in meiner alten, häßlichen Strickjacke. Das Zimmer und der Schreibtisch sind dafür sehr hübsch. Da hängen zwei, drei Bilder, die mich immer schon und immer an derselben Stelle begleiten. Das älteste hing bereits über dem Tisch, an dem ich meine Schulaufgaben gemacht habe.

Oder in Cafés, am liebsten in rufftigen, geschäftigen. Ich bin kein Anhänger der Idee, dass die Umgebung oder das Schreibwerkzeug nur edel genug sein muss, dann wird schon auch das Geschriebene irgendwie Kunst. Derartige Magie funktioniert nicht. Ich mag Mr. Blecks, Bahnhofcafés und solche vor Supermärkten, Durchgangsorte, an denen es schon fast ungewöhnlich ist, das jemand bleibt. Der vielfältige Lärm außen herum überdeckt sich gegenseitig und schafft in meinem Kopf Leere. Angefangen hat das, als Simon noch bei mir lebte. Er schlief keine Nacht durch, 3 Stunden pro Nacht am Stück waren das höchste der Gefühle. Wenn er im Kindergarten oder der Schule war, war ich meist sehr müde. Damit ich nicht in Gefahr geriet, einfach ins Bett zu sinken, zwang ich mich ins Café, wo das nicht passieren konnte. Inzwischen stehe ich auf diese Orte und kann dort wunderbar abschalten.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Im Stadium der Ideenfindung brauche ich eine leere Tischplatte und Schmierpapier DinA4, quer vor mich hingelegt. Dort fängt es an mit Gekritzel, Kringeln und Pfeilen. Dann geht es weiter auf weiteren Blättern, mit Karteikarten und Notizen. Wenn ich das Gefühl habe, alles hat seinen Platz, dann fahre ich den Computer hoch und erstelle ein Exposé, eine Kurzbeschreibung meines Vorhabens. Erst mal in wenigen Worten zusammenfassen, was es sein will. Dann eine ausführliche Beschreibung, im Idealfall schon ein Kapitelplan. Dazu kommen Figurenbeschreibungen und Chronologie. Das alles ist für mich, geht aber in Auswahl auch an meine Agentin, die das Projekt anbietet und verkauft. Habe ich einen Vertrag, lege ich meine ganzen Unterlagen um mich aus, pinne einiges an die Wand, dazu Bilder, ev. Passende Musik. Dann wird geschrieben. Jeden Tag von 8-1, das ist die Zeit, die mein Mann in der Schule verbringt. Vorher will er Frühstück, nachher Mittagessen. Oft lege ich mich danach hin, dazu kommt Hausarbeit, soziale Verpflichtungen, das ganze Leben hat. Meist fange ich so gegen 16.00 noch einmal an. Das kann kurz gehen oder die halbe Nacht, je nachdem, wie es fließt.

Am nächsten Morgen um 8 dann, nach dem Checke der Emails, beginne ich mit der Korrektur des am Vortag Geschriebenen. So bin ich schnell wieder im Text und kann meist ohne irgendwelche Schreibblockaden weitermachen. Notfalls gehe ich mit dem Hund raus. Oder streichle die Katzen (es sind 3). Wenn gar nichts hilft, reinige ich den Kühlschrank. Aber das ist selten nötig. (So sieht der Kühlschrank auch aus.)

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Auf jeden Fall erscheint diesen Herbst der dritte Teil meiner Krimi-Reihe um den Bestatter Viktor Anders, der in der Tat ein wenig anders ist (nicht nur seines autistischen Cousins wegen). „Schweig wie ein Grab“ beginnt auf einem etwas gruseligen Klosterfriedhof in der Fränkischen Schweiz und führt dann tief in einige Familiengeschichten. Auch in der Familie meines Ermittlers bleibt kein Stein auf dem anderen. Wie immer bei Viktor ist das im Grunde sehr ernst, und doch mit einem ironischen Augenzwinkern geschrieben. Viktor sieht das wie ich: Wenn gar nichts mehr geht, kannst du heulen – oder besser lachen.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Ich hoffe nicht, sonst wäre ich eine Kopistin. Es hat jederzeit mein Leben gerettet, dass es Autoren gibt und Autorinnen, bei denen ich Gedanken wiedergefunden habe, die mich auch umtreiben, und die Dinge versucht haben, die ich auch versuche.Manche sind so gut sind, dass man einfach nur dankbar ist dafür, dass sie existieren und man sie lesen darf.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Sorry, aber das würde den Rahmen sprengen. Ich hab zu viel gelesen und war zu oft begeistert, um mich auf einige wenige zu beschränken. Mir würden hinterher nur die einfallen, die ich vergessen habe, und ich würde mich ärgern.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Ist das eine Scherzfrage? Ich habe keine Freizeit, was nichts macht, denn mein Beruf ist so erfüllend, dass ich keine brauche. Ich lese, wenig originell. Wenn es Freizeit sein soll, dann lese ich, ohne dass es mit eigenen Schreibprojekten in Zusammenhang steht – falls das überhaupt geht.

Ich streife gerne mit dem Hund durch die Gegend.

Ich habe gerne einen Menschen da oder zwei, die ich mag und mit denen ich bei einem Wein Gespräche führe, begeistert, belustigt, manchmal sind wir traurig, aber das macht nichts.

Ich helfe im Tierheim und hier im Ort in den Vereinen. Ich wohne nämlich in einem 800-Seelen-Ort. Früher hätte ich mich lieber begraben lassen, als aufs Dorf zu gehen. Aber für mein Alter jetzt passt es. Man ist aufgehoben in diesem Mikrokosmos, der menschlich alles zu bieten hat, was es gibt. Und wenn ich meine Ruhe brauche, ziehe ich mich ein wenig zurück. Die Leute wissen schon, dass ich halt manchmal komisch bin und nehmen es mir nicht übel.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Schön wäre es, wenn mein Sohn kein Autist wäre. Aber das wird nicht gehen. Ich wünsche mir ein erfülltes Leben für ihn, das ist sehr wohl möglich.

Schön wäre es außerdem, wenn ich weiter meine Bücher schreiben dürfte. Dazu müssen sie Leser finden: Also wünsche ich wünsche mir natürlich, weiter gelesen zu werden.

Und ich wünsche mir die Kraft und die Ruhe, die Geschichten zu erzählen, die mir wirklich wichtig sind. Auf eine Weise, von der ich sagen kann: Ja, damit bin ich zufrieden. Das könnte so auf meinen Grabstein.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Ich bin leider ziemlich unempfindlich für Lob. Ich speichere es einfach nicht, ist ein systemischer Fehler meiner Psyche. Dadurch geht es mir schnell verloren und kann nicht wirken, wie es sollte. Für mein Buch über meinen Sohn habe ich unheimlich viel sehr positive Rückmeldung bekommen, vor allem von anderen Müttern autistischer Kinder, die meinten, ich hätte in Worte gefasst, was sie erlebt haben, aber nicht ausdrücken konnten. Das hat mich schon sehr gefreut. Aber deshalb rausgehen in die Welt und denken, ich bin sooo toll, das schaffe ich nicht. Ist schade. Aber bitte gebt nicht auf, lobt mich weiter :-))

Kritik hingegen trifft mich tief und langanhaltend, unpraktischerweise. Ich beschäftige mich viel damit. Das ist gut und bringt einen weiter, wenn die Kritik konstruktiv ist, nicht so gut, wenn sie es nicht ist. Aber da muss man durch. Mein erster und härtester Leser ist ja immer mein Mann, der trainiert das mit mir. Die Lektoren sind dann freundlicher, aber in der Sache notwendigerweise fest; und es hilft dem Text ja. An der Stelle mal ein Dankeschön an alle.

Und von Lesern zu hören, dass sie sich mit der Geschichte beschäftigt haben, dass sie auf sie gewirkt hat, sie ein Stück mitgenommen hat – das ist immer wieder ein kleines Wunder.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Bleibt Leser. Wir wären nichts ohne die Geschichten, die wir uns erzählen.


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Kommentare: 2
  • #1

    Daniela (Mittwoch, 10 Mai 2017 12:09)

    Hallo,
    ein sehr gelungenes Interview, ich hab es mit Freuden gelesen und viel Interessantes erfahren. Ich hab sogar schon ein Buch der Autorin gelesen, aber unter Pseudonym, deshalb war mir der Klarname der Autorin bisher unbekannt. Wobei Tessy mir doch besser gefällt wie Tessa. Das Leben der Autorin liest sich wirklich spannend - ich darf da mal ein bisschen in Richtung Biographie mit dem Zaunpfahl winken?
    Deinen Beitrag möchte ich am Freitag für die KW 19 auf meiner <a href="https://buchvogel.blogspot.de/search/label/Blogwanderung">Wanderung durch die Welt der Bücherblogs</a> verlinken.
    Liebe Grüße
    Daniela

  • #2

    Mordsbuch (Mittwoch, 10 Mai 2017 12:17)

    Liebe Daniela,
    das darfst du sehr gerne :)