Interview mit Simon Geraedts

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten ­čśŐ

Magst du den Lesern kurz etwas ├╝ber dich erz├Ąhlen?

Ich hei├če Simon Geraedts, bin 32 Jahre alt und denke mir Geschichten aus, seit ich neun bin. Vielleicht fing das sogar schon fr├╝her an, aber mit neun hab ich meine erste Geschichte zu Papier gebracht: Sie handelt von Piraten, die auf einer von Kannibalen bewohnten Insel stranden. Nat├╝rlich strotzt der Text nur so von Rechtschreibfehlern und witzigen Anachronismen. Zum Beispiel trinkt der Kapit├Ąn in einer Szene unter der wehenden Totenkopf-Flagge seines Schiffs eine Dose "Koka Kohla".

Als ich die vergilbten Seiten vor ein paar Jahren wiederentdeckt habe, musste ich herzhaft lachen. Aber jeder f├Ąngt mal klein an, stimmt's?┬á

Mein Interesse f├╝rs Schreiben ÔÇô f├╝r Literatur im Allgemeinen ÔÇô hat nie nachgelassen. In meiner Jugend folgten weitere Kurzgeschichten und Reiseberichte. Mit sechzehn habe ich meinen ersten Roman angefangen.

Von 2005 ÔÇô 2010 habe ich an der Heinrich-Heine-Universit├Ąt in D├╝sseldorf Germanistik und Anglistik studiert.

Heute arbeite ich in Vollzeit als Selfpublisher und habe inzwischen f├╝nf B├╝cher ver├Âffentlicht. Das sechste ist in der Pipeline und erscheint voraussichtlich im August.

Wie bist du zum B├╝cher schreiben gekommen?

Es hat mich nie jemand zum Schreiben animiert. Ich habe selbst zum Schreiben gefunden. Schon in der Grundschule hatte ich das Bed├╝rfnis, mir Geschichten auszudenken und sie aufzuschreiben. Es gibt f├╝r mich nichts Sch├Âneres, als fiktive Figuren zum Leben zu erwecken und alles geschehen zu lassen, was immer mir in den Sinn kommt. Das ist wie Zauberei.

Besonders spannend wird es, wenn die Figuren ein Eigenleben entwickeln und mir als Autor das Zepter aus der Hand nehmen. An diesem Punkt werde ich zum Zuschauer meiner eigenen Geschichte, als w├Ąre sie gar nicht von mir. Ich trete von der B├╝hne, nehme im Publikum Platz und genie├če die Show. Das f├╝hlt sich an wie ein Wunder.

Wann wusstest du, dass du Autor werden willst? 

Schon in der Grundschule. Du kannst meinen damaligen Klassenlehrer fragen, der wird es bezeugen. 

Welche B├╝cher hast du bisher ver├Âffentlicht?

Mein erstes Buch war ein Fantasyroman, den ich in zwei Teilen unter dem Titel "W├Ąchter der Erinnerungen" ver├Âffentlicht habe. Darin geht es um einen Jungen, der ins Land der Tr├Ąume reist, um eine dunkle Macht aufzuhalten, die das kosmische Gef├╝ge zu vernichten droht. Sein bester Freund unterst├╝tzt ihn auf dieser gef├Ąhrlichen Reise.

"Die Heilanstalt" ist mein erster Thriller und erschien 2013. Ein junger Mann, Patrick, erwacht ohne Erinnerung in der titelgebenden Heilanstalt und merkt schnell, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Die Patienten haben seltsam gl├Ąserne Augen und murmeln wirres Zeug, es gibt weder Fenster noch T├╝ren nach drau├čen. Nur eine Patientin, Melanie, hat einen klaren Blick und scheint zu wissen, was hier vor sich geht. Sie weiht Patrick schlie├člich in das dunkle Geheimnis der Heilanstalt ein und flieht mit ihm in die Au├čenwelt, wo sie eine entsetzliche Wahrheit entdecken.

"Das Opfermesser" habe ich 2015 ver├Âffentlicht. Im Mittelpunkt steht der neunj├Ąhrige Lukas, der nach dem Tod seiner Mutter traumatisiert ist und kaum ein Wort spricht. Sein Vater hat sich mit einer jungen P├Ądagogin frisch verlobt. Lukas hasst seine Stiefmutter in spe und w├╝nscht ihr den Tod. Ein Kurztrip in einen Fichtenwald soll sie als Familie zusammenf├╝hren.

Tief im Wald findet Lukas ein Messer, dem eine d├Ąmonische Macht innewohnt. Wie eine Wunderlampe erf├╝llt es ihm jeden Wunsch. Doch die W├╝nsche ver├Ąndern Lukas innerlich wie auch ├Ąu├čerlich┬áÔÇô┬ádas B├Âse ergreift nach und nach von ihm Besitz. Au├čerdem verlangt jeder Wunsch ein Opfer. Anfangs gen├╝gen Tiere. Doch f├╝r den gr├Â├čten Wunsch, der Auferstehung seiner Mutter, verlangt das Messer ein Menschenopfer. F├╝r Lukas' Vater und seine verhasste Stiefmutter beginnt ein Kampf ums nackte ├ťberleben.

"Das Opfermesser" hat im letzten Jahr den Skoutz-Award in der Kategorie "Horror" gewonnen und konnte sich gegen ├╝ber 100 andere Titel durchsetzen. Dieser Literaturpreis ist f├╝r mich ein gro├čartiger Erfolg, auf den ich sehr stolz bin.

Vor einem halben Jahr erschien mein j├╝ngster Thriller "FEUERWUT". Der Kleinkriminelle Mike plant einen letzten, gro├čen Coup: Er will in die Villa eines reichen und brutalen Zuh├Ąlters einbrechen. Nat├╝rlich l├Ąuft die Sache nicht wie geplant. Aber noch viel schlimmer: In der Villa wird er mit den D├Ąmonen seiner Vergangenheit konfrontiert, mit der furchtbaren Schuld, die er vor vielen Jahren auf sich geladen hat, als seine Tochter Gina bei einem Brand ums Leben kam.

"FEUERWUT" ist ein Thriller ├╝ber Verdr├Ąngung, Wut und unges├╝hnte Schulde. Mein bislang erfolgreichstes Buch.

Mein neuer Thriller erscheint voraussichtlich im August. Ohne zu viel verraten zu wollen: Ein M├Ądchen verschwindet spurlos, ihr Vater nimmt die Ermittlungen selbst in die Hand und st├Â├čt auf dunkle Geheimnisse, Machenschaften und organisierte Kriminalit├Ąt.

Hast du f├╝r deine B├╝cher recherchiert?

Ohne Recherche geht es nicht. Besonders wenn man realistische Thriller und Krimis schreibt, muss man sich ├╝ber viele Dinge informieren. Oft geht es um Details: Wie h├Ârt sich eine Durchsage am Flughafen an? Wie setzt ein Streifenpolizist einen Funkspruch ab? Wie sieht eine Leiche aus, nachdem sie f├╝nf Tage im Wasser lag? Wie riecht es im Petersdom? Wie lange dauert ein Fingerabdruck-Abgleich?

Es sind diese Einzelheiten, die eine fiktive Geschichte glaubhaft erscheinen lassen. Wenn man sich einfach etwas aus den Fingern saugt und "k├╝nstlerische Freiheit" walten l├Ąsst, merkt der Leser das und wird das Buch vorzeitig zuklappen.

Wo schreibst du am liebsten?

In meinem Arbeitszimmer. Zum Schreiben brauche ich eine vertraute, abgeschottete Umgebung, m├Âglichst viel Zeit am St├╝ck und absolute Ruhe. Mit dem Laptop auf dem Scho├č in einem Zugabteil bringe ich keine kreative Zeile zustande. Ich habe mal gelesen, dass Stephen King bei lauter Rockmusik schreibt. Das ist f├╝r mich unvorstellbar.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Es ist wichtig, auf Betriebstemperatur zu kommen. Dabei hilft Routine. Ich stehe jeden Tag zur selben Zeit auf, mache mir vor dem Schreiben einen Kaffee und fahre den Computer hoch. Dann beantworte ich erst mal eine E-Mail oder verfasse einen Beitrag auf meinen Kan├Ąlen, um warm zu werden. Erst danach ├Âffne ich die Worddatei meines Roman-Manuskripts, stecke mir (meistens) Kopfh├Ârer in die Ohren und starte eine Playlist mit inspirativen Titeln verschiedener Filmmusik-Komponisten.

Ganz wichtig: Das Smartphone in den Flugmodus schalten! 

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

In meiner Jugend habe ich viel von Stephen King gelesen. Seine Werke und sein Schreibstil sind bewundernswert. Seine B├╝cher leben von den zuvor angesprochenen Details, der Kreativit├Ąt im Kleinen. King geh├Ârt zweifellos zu den besten und produktivsten Geschichtenerz├Ąhlern unserer Zeit. Er hat meine Arbeit als Autor nachhaltig beeinflusst.

Aber auch viele andere Autoren haben mich inspiriert. "1984" von George Orwell w├╝rde ich als meinen Lieblingsroman bezeichnen, ein unglaublich dichtes, tiefgr├╝ndiges und erschreckendes Werk in wunderbarem Schreibstil.

Franz Kafkas Werke haben mich ebenfalls nachhaltig beeindruckt, aber auch die Bücher zahlreicher unbekannterer Autoren, die ich dank des Selfpublishings kennenlernten durfte. 

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Wenn mein t├Ągliches Schreibpensum erledigt ist, gehe ich so oft wie m├Âglich zum Sport, mindestens drei Mal pro Woche. Schreiben ist eine sehr bewegungstr├Ąge T├Ątigkeit, da ist Sport ein wunderbarer Ausgleich. Entweder gehe ich ins Fitnessstudio oder laufe durch den Wald.

Nat├╝rlich lese ich auch viel, spiele f├╝r mein Leben gern Klavier und liebe Schach. Abends schaue ich gern Filme oder Serien (ein Leben ohne Netflix kann ich mir nicht mehr vorstellen).

Die Wochenenden verbringe ich mit meiner Freundin. Wir fahren mit der Bahn in die Frankfurter Innenstadt, gehen ein Eis essen, ins Kino oder spazieren am Main entlang. Alle paar Wochen fahren wir in unsere alte Heimat (Nettetal), um unsere Eltern und Geschwister zu besuchen.

Verr├Ątst du einen deiner W├╝nsche f├╝r deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erf├╝llen m├Âchtest?

Ich sch├Ątze mich sehr gl├╝cklich, ein Leben als Autor f├╝hren zu d├╝rfen. Ich kann mir nichts Sch├Âneres vorstellen. Ich brauche nicht den Erfolg eines Stephen King oder Sebastian Fitzek. Solange ich die M├Âglichkeit habe, mich ganz dem Schreiben zu widmen, bin ich gl├╝cklich und zufrieden. Nat├╝rlich hoffe ich, als Autor noch bekannter zu werden und weiterhin so tolles Feedback f├╝r meine B├╝cher zu erhalten. Aber ich brauche keine Millionen auf dem Konto. Geld ist f├╝r mich nur Mittel zum Zweck, kein Antrieb beim Schreiben. Ich habe nie verstanden, wie Menschen ihr ganzes Handeln danach ausrichten k├Ânnen, m├Âglichst viel Geld zu scheffeln, oder wie sie den Wert einer Sache nur danach bemessen k├Ânnen, welchen wirtschaftlichen Nutzen es abwirft. Beim Schreiben und Lesen geht es darum, den Horizont zu erweitern, in fremde Welten einzutauchen und etwas ├╝ber sich und die Welt zu erfahren. Das ist f├╝r mich wahrer Reichtum.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Sehr wichtig. Die wenigsten Autoren schreiben gern f├╝r die Schublade. Die meisten wollen, dass ihre B├╝cher gelesen werden, und freuen sich ├╝ber Leserfeedback. Auch (oder gerade) negative R├╝ckmeldungen sind wertvoll, da sie einem Autor helfen, sich weiterzuentwickeln. Ich glaube, dass ich schon jetzt auf einem passablen Niveau schreibe, aber ich wei├č auch, dass ich noch relativ jung bin und noch vieles lernen muss. Man muss bereit sein, konstruktive Kritik anzunehmen, um es beim n├Ąchsten Mal besser zu machen. Ein Autor, der sich f├╝r unfehlbar h├Ąlt, wird dieselben Fehler immer wieder machen. Und h├Âchstwahrscheinlich wird er niemals sonderlich erfolgreich sein.

Vor der Ver├Âffentlichung ist das Feedback von Testlesern unverzichtbar, da man als Autor arbeitsblind ist. Man kann die eigenen Texte nicht objektiv bewerten, es fehlt der Abstand. Wenn man Bl├Âdsinn schreibt ÔÇô und das passiert in der Rohfassung nicht gerade selten ÔÇô erf├Ąhrt man das von den ehrlichen Testlesern, die kein Blatt vor den Mund nehmen.

Aufrichtige Kritik kann schmerzhaft sein, manchmal muss man lange Kapitel umschreiben oder komplett streichen. Aber der Weg zu einem guten Buch ist nun mal lang und steinig. Da gibt es keine Abk├╝rzung.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Vielen Dank f├╝r das Interview!

Meinen Lesern m├Âchte ich Danke sagen f├╝r ihr Interesse an meinen B├╝chern, f├╝r ihre Rezensionen und ermutigenden Worte in den vergangenen Jahren. Erst in ihrer Fantasie erwachen meine Geschichten zum Leben. Ohne Leser sind Texte nur eine Aneinanderreihung stummer, schwarzer Symbole auf wei├čem Papier.

Ich danke meinen Lesern f├╝r die wunderbare M├Âglichkeit, ein Leben als Autor f├╝hren zu d├╝rfen. Im Gegenzug m├Âchte ich ihnen die M├Âglichkeit geben, spannende Geschichten zu erleben und dem Alltag f├╝r ein paar Stunden zu entfliehen.


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