Interview mit Mitra Devi

© Chris Marogg

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten 😊

Das mach ich gerne. Vielen Dank für dein Interesse.

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Ich wohne und arbeite nach über 30 Umzügen wieder in Zürich, bin als Krimiautorin, Filmemacherin und bildende Künstlerin tätig. Zwischendurch arbeite ich an journalistischen Projekten. Bis jetzt habe ich 17 Bücher veröffentlicht. Die meisten davon sind Krimis, aber nicht alle. Mein erster Roman "Das Buch Antares" ist ein Genre-Mix aus Fantasy, Science Fiction und Thriller, der zu verschiedenen Zeiten spielt. Bei Lesungen werde ich immer wieder gefragt, wie ich mit Schreibblockaden umgehe und antworte dann wahrheitsgemäss: "Ich hatte noch nie eine". Ich bin also ein Glückskind. Doch dahinter steht auch viel Disziplin.

Seit wann schreibst du?

Ich hab mir mit sechs Jahren selber das Lesen und Schreiben beigebracht. Und da war gleich so eine Faszination, eigene Geschichten zu erfinden, dass ich sehr früh damit begonnen habe. Das waren anfangs harmlose Tiermärchen, bald einmal wurden die Themen etwas düsterer und spannender, und mit zehn Jahren habe ich die Gruselgeschichte "Der unheimliche Gang" geschrieben, dessen Ausgangssituation sogar ein wenig der Wahrheit entsprach. Sie war 50 Seiten lang, worauf ich unglaublich stolz war!

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen?

Als ich in der Grundschule war, ist meine Familie von einem Vorort in die Stadt Zürich gezogen, in einen Neubau, der noch nicht fertig gebaut war. Wir Kinder turnten auf der Baustelle herum und fanden im Rohbau einen dunklen Gang ohne Fenster, mit feuchten Wänden und einem komisch riechenden Kiesboden, der sehr sehr gruselig war. Wir sperrten uns gegenseitig darin ein, um uns zu erschrecken, und als ich an die Reihe kam, spielte meine Fantasie verrückt. Die Geschichte "Der unheimliche Gang" nahm sehr schnell Form an. Und da wusste ich: Ich möchte einmal Schriftstellerin werden. Bis es soweit war, dauerte es zwar noch viele Jahre, aber das Schreiben hat mich seit damals immer begleitet. Im Jahr 2000 hatte ich so viele Kurzgeschichten gesammelt, das ich sie einem Verlag angeboten habe, der tatsächlich gleich einen Sammelband daraus machte. Short Stories blieben lange meine bevorzugte Form, später kamen dann Romane dazu.

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst? 

Ich spürte es sehr früh, es war mein größter Wunsch. Gleichzeitig wollte ich auch Malerin werden und illustrierte viele Jahre lang meine Geschichten mit Bildern. Und tatsächlich bin ich beides geworden. Das Filmemachen rundete das Ganze ab. Meine unterschiedlichen und doch nicht so unterschiedlichen Tätigkeiten befruchten und fördern einander sehr. Es dauerte komischerweise aber Jahre, bis ich mich selber "Autorin" nennen konnte. Ein Teil von mir glaubte es trotz mehrer Veröffentlichungen lange Zeit nicht richtig.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Die fünfteilige Serie mit der Zürcher Privatdetektivin Nora Tabani: "Stumme Schuld", "Filmriss", "Seelensplitter", "Das Kainszeichen" und "Der Blutsfeind". Der letzte Band wurde mit dem Zürcher Krimipreis ausgezeichnet. Daneben vier Bände "Mörderische Geschichten" mit gesammelten Short Stories. Plus zwei Krimi-Anthologien, deren Herausgeberin ich bin (gemeinsam mit meiner Kollegin Petra Ivanov) und drei Bände mit rabenschwarzen Gedichten. Und noch ein paar Bücher mehr.

Hast du für deine Bücher recherchiert?

Ja, immer. Bei Kurzkrimis reicht manchmal eine Kleinrecherche ("Wie war das nochmals mit dem Gift des Kugelfischs"?), bei Romanen ist die Recherche ein großer Teil meiner Arbeit. Beim Schreiben meines Krimis "Das Kainszeichen" beispielsweise, der in einer Psychiatrischen Klinik spielt, hatte ich die Gelegenheit, die geschlossene Abteilung zu besichtigen, konnte dem leitenden Psychiater mehrere Stunden lang Fragen über Krankheitssymptome, Medikamente und Behandlungen stellen und sprach mit Betroffenen. Für andere Bücher hatte ich ausgiebigen Kontakt mit der Polizei, war bei mehreren Autopsien dabei, züchtete Giftpflanzen (Alraunen), las viel, bereiste die Orte, über die ich schrieb, tauschte mich mit Fachpersonen aus, flog aber zum Teil auch nur virtuell mit Google Earth über die Landschaft.

Wo schreibst du am liebsten?

Sehr langweilig: Zuhause am Schreibtisch! Bei einer Erstfassung brauche ich komplette Ruhe, keine Ablenkung (Handy aus, keine Mails) und die Gewissheit, dass ich stundenlang nicht gestört werde. Bei der Überarbeitung eines Romans jedoch bin ich viel freier. Da schreibe ich gern in der Natur, im Botanischen Garten, am See, in einem Park. Sehr gern auch im Zug, der durch die Gegend tuckert. Da dürfen auch Menschen um mich sein und schwatzen, ich bin dann in einem ganz anderen Modus.

Hast Du ein festes Schreibritual?

Ich trinke viel Grüntee! Ein Ritual pflege ich nicht wirklich, eher einen schreibfördernden Tagesablauf. Ich schreibe morgens, meistens ohne Pause bis weit in den Nachmittag hinein – dann muss ich raus an die frische Luft!

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst?

Ja, etwas, worauf ich mich sehr freue! Ich habe mit meiner Kollegin Petra Ivanov den Psychothriller "Schockfrost" geschrieben, der jetzt noch in der letzten Überarbeitung ist und Ende August im Unionsverlag erscheinen wird. Unsere Zusammenarbeit war für uns als "Einzelkämpferinnen" spannend, herausfordernd, nicht immer einfach, aber immer unglaublich belebend und lehrreich. In erster Linie lernt man sich selber besser kennen: Wie gehe ich mit Kritik um? Wie offen bin ich für Veränderung? Wie anpassungsfähig oder wie autonom bin ich? Das gemeinsame Plotten, Figurengestalten und Schreiben war eine intensive Zeit und hat unsere Autorinnenfreundschaft noch vertieft.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat?

Zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder verschiedene. Ich habe wohl – als ich schon viel geschrieben, aber noch nichts veröffentlicht habe, unbewusst sprachliche Eigenheiten anderer AutorInnen übernommen, die dann wieder versandet sind und ich je länger je mehr zu meinem Stil gefunden habe. Eine Suche nach der eigenen Sprache bleibt es für mich aber nach wie vor.

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?

Auch diese unterlagen und unterliegen einem Wandel. Als Kind habe ich Astrid Lindgren geliebt, Michael Ende und etliche Autoren von Detektivromanen. Ich glaube, ich habe alle Agatha Christies gelesen. Später habe ich alles von Kafka verschlungen, von Patricia Highsmith, Dean Koontz, Val McDermid und momentan Sebastian Fitzek, Harlan Coben und Tess Gerritsen. Mein absolutes Lieblingsbuch ist – ich kann es einfach nicht ändern – "Die unendliche Geschichte" von Michael Ende. Nicht der grottenschlechte Film, nur das Buch. Ende beschreibt die Suche des Jungen Bastian nach sich selbst auf so fantasie- und humorvolle, aber auch abgründige Art und Weise. Jedesmal, wenn ich das Buch lese, trifft es etwas tief in mir. Nebst all den Krimis und Thrillern, die ich mir reinziehe, bleibt es mein Seelenbuch.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Lesen! Kinofilme angucken. (Krimis, Thriller, Action, Grusel.) Dem Zürichsee entlang flanieren. Mit anderen AutorInnen über kommende Mordstories diskutieren, Ausstellungen besuchen, Zugfahren (gern auch, ohne zu wissen, wohin), ich besitze ein "Generalabonnement", was eine tolle Sache ist und schweizweit alle Verkehrsmittel miteinschliesst, Busse, Trams, Seilbahnen, Schiffe und Zahnradbahnen. Plötzlich finde ich mich auf einem Raddampfer auf dem Vierwaldstättersee vor und geniesse das viele Wasser um mich herum. Und dann tauchen neue Ideen auf...

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest?

Ich würde gern je für mehrere Monate in New York leben (und ein Buch schreiben, das dort spielt), in San Francisco, Amsterdam, Barcelona und London. Und Ulan Bator. Und Srinagar. Und Marrakesh. Transsibirische Eisenbahn. Orient Express.

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern?

Das ist mir schon wichtig. So richtige Verrisse habe ich noch nie bekommen, und wenn mir Leserinnen und Leser mitteilen, dass sie mein Buch nicht mehr aus der Hand legen konnten, ist mir das die grösste Freude. Ich gebe meine Erstfassungen aber auch mehreren versierten Erstlesenden und bin sehr offen und bereit, Ungereimtheiten nochmals zu überarbeiten.

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen?

Schön, das ihr lest! Für euch schreibe ich.


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