Interview mit Nikola Hahn

Hallo erst mal und vielen Dank, dass du dir Zeit nimmst, um meine Fragen zu beantworten 😊

Magst du den Lesern kurz etwas über dich erzählen?

Als echtes Landei 1963 bei Marburg geboren und in einem kleinen Dorf am Rand des Westerwaldes aufgewachsen, lernte ich erst Mitte der 1980er-Jahre das Stadtleben kennen, wenn auch nicht von der besten Seite: Ich war eine der ersten Frauen in Hessen, die in der Bereitschaftspolizei ausgebildet und auch eingesetzt wurden. Dazu gehörten die damals offene Drogenszene in Frankfurt ebenso wie Einsätze bei den Ausschreitungen an der Startbahn West, bei denen 1987 zwei meiner Kollegen erschossen wurden. Anfang der 1990er-Jahre wechselte ich zur Kriminalpolizei, ermittelte mehr als zehn Jahre gegen Betrüger, Geldfälscher, Räuber, Mörder. Mitte der Nullerjahre übernahm ich an der Polizeiakademie Hessen unter anderem die Neuausrichtung der Vernehmungsfortbildung. Bis zum Februar 2017 arbeitete ich als Erste Kriminalhauptkommissarin im Polizeipräsidium Südosthessen. Aktuell lehre ich hauptamtlich Kriminalistik und Vernehmungstaktik an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung. 

Seit wann schreibst du? 

Seit ich schreiben kann. Mein erster "Roman" bestand aus geschätzten zwei Dutzend Wörtern und ebenso vielen Rechtschreibfehlern. Soweit ich mich erinnere, ging es um die waghalsigen Abenteuer eines Kanarienvogels.

Wie bist du zum Bücher schreiben gekommen? 

Über mein Elternhaus. Meine Mutter konnte herrliche Geschichten aus dem Stegreif heraus erzählen. Das wollte ich auch! Aber ich wollte noch mehr: Meine Geschichten für andere festhalten, also: nicht nur erzählen, aufschreiben!

Ab wann wusstest du, dass du Autorin werden willst?  

Als ich nach der Schulzeit anfing, darüber nachzudenken, was ich warum schrieb und wie ich meine Schreibe verbessern könnte. Meine Geschichten sollten andere lesen, also musste ich sie auch spannend für andere erzählen können. Parallel zu meiner Polizeiausbildung begann ich ein Fernstudium in belletristischem und journalistischem Schreiben, später erweiterte ich um Lyrik. Damals war es noch nicht selbstverständlich, das Schreibhandwerk auf diese Weise zu lernen; es gab nur wenige Angebote. Ich war fest entschlossen, Autorin zu werden, aber nicht unbedingt im Erstberuf. Während meiner Polizeilaufbahn habe ich in verschiedenen Bereichen "schreibend" gearbeitet, war als Lokalreporterin unterwegs, habe redaktionelle Arbeit in einer Literaturzeitschrift gemacht, für die Hessische Polizeirundschau geschrieben, Lyrik, Kurzprosa und Fachtexte publiziert. "Richtig" als Autorin gefühlt habe ich mich allerdings erst mit der Veröffentlichung meines ersten Romans 1998. Damals überlegte ich, ob ich mich für das Schreiben als Hauptberuf entscheiden sollte. Heute bin ich froh, es nicht getan zu haben. Ich liebe meine beiden Berufe und wollte keinen missen.

Welche Bücher hast du bisher veröffentlicht?

Nach Genre sortiert: 

Krimis zur Kriminalistik

"Die Detektivin"

"Die Farbe von Kristall"

Romane 

"Die Wassermühle und ein Polizistenleben" (Humor)

"Der Garten der alten Dame" (Poetischer Roman)

Märchen

"Wie das Schneeglöckchen zu seiner Farbe kam" 

Poesie

"Singende Vögel weinen sehen" (Handypoesie)

"Baumgesicht" (Prosa und Poesie)

Autobiografisches

"Die Startbahn"

"Wenn der November vorüber ist"

Fachbücher

"Gefährderansprache und Vernehmung"

Hast du für deine Bücher recherchiert? 

Die Recherche macht bei mir einen Großteil der Arbeit aus; vor allem gilt das für meine historischen Kriminalromane. Da ich durch meinen Hauptberuf nur eingeschränkt oder gar nicht zu den üblichen Öffnungszeiten in Bibliotheken oder Archive gehen kann, habe ich mir sehr viel Originalliteratur zugelegt. Mittlerweile sind alte Polizeilehrbücher, historische Krimiausgaben und alles, was mit der Stadtgeschichte Frankfurt (meinem literarischen "Haupteinsatzort") zu tun hat, meine Obsession: Ich sammele, was immer ich in die Finger bekommen kann. Aber auch für meine anderen Romane habe ich recherchiert, einmal sogar bei mir selbst. Für meinen heiter-traurigen Roman "Die Wassermühle und ein Polizistenleben" habe ich beispielsweise einen Zettelkasten ausgewertet, in dem ich über Jahre skurrile, lustige, aber auch verstörende und traurige Polizei-Erlebnisse gesammelt hatte. Für den Ort der Handlung, eine alte Wassermühle, habe ich zudem jede Menge Literatur über alte Mühlen, Entstehungsgeschichte, Funktionsweise, Restaurierung und die Verwendung als bildliche und literarische Allegorie studiert. 

Am wenigsten recherchieren musste ich für meinen poetischen Roman "Der Garten der alten Dame"; hier konnte ich mein Wissen übers Gärtnern einbringen. Für "Magie und Macht von Märchen", ein weiteres Thema in diesem Roman, habe ich Einiges aus meiner literarischen Lieblingsecke verwenden dürfen: von Astrid Lindgren bis Antoine de Saint-Exupéry. Allein die Korrespondenz über die Einräumung von Lizenzen war ein Abenteuer.

Wo schreibst du am liebsten?

Zu Hause am Schreibtisch in meiner Bibliothek, die vor Büchern demnächst wohl aus den Nähten platzen wird. Ich brauche mein "Handwerkszeug" zum Arbeiten, also vor allem meine Rechercheliteratur und allerlei Entwurfsunterlagen - und damit viel Platz samt der Gewissheit, dass ich das "literarische Chaos" auch mal drei Tage ungestört liegen lassen kann. Und was gibt es Schöneres, als zwischen Schreiben und Recherchieren den Blick über prallvolle Bücherwände schweifen zu lassen?

Hast Du ein festes Schreibritual?

Nein. Außer, dass ich eine passionierte Eule bin. Meine literarischen Werke und auch die Fachliteratur entstanden und entstehen größtenteils im Dunkel der Nacht: Ich allein mit meinem Computer inmitten schummrig beleuchteter Bücher-Berge :).

Hast du eine neues Projekt, das du uns schon verraten kannst? 

Aktuell arbeite ich an zwei Fachbüchern; eines zum Thema Vernehmungstaktik, das andere wird eine Publikation über ein Projekt in der hessischen Polizei, das ich initiiert und mehrere Jahre lang geleitet habe. Das nächste (fast) belletristische Vorhaben ist im Verlag schon angekündigt; wegen der Fachbücher musste es aber verschoben werden: "Kriminalistische Spaziergänge in Frankfurt am Main" so der Arbeitstitel. Was ich in meinen "Krimis zur Kriminalistik" nicht erzählt habe: Hier werden es die Leser erfahren.

Gibt es einen Autor, der dein Schreiben beeinflusst hat? 

Eigentlich haben mich alle Autoren irgendwie beeinflusst, deren Bücher ich gelesen habe: Sie haben mir geholfen, meinen Weg zu finden, zu unterscheiden, was ich schreibend will, aber auch, was ich ganz bestimmt nicht will. Die Initialzündung für meine "Krimis zur Kriminalistik" gab Noah Gordon mit "Der Medicus", auch wenn das gar kein Krimi ist. Fasziniert hat mich vor allem Gordons Akribie in der Recherche. Unbedingt nennen muss ich Michael Ende, dessen Fantasie und Erzählstimme ich liebe. Und, klar, auch Antoine de Saint-Exupéry in der genialen wie einfachen Verbindung von Wort und Bild. 

Was sind deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren? 

Natürlich diejenigen, die mich auch am meisten beeinflusst haben: Michael Endes "Momo", einmal mehr "Der Kleine Prinz", aber auch solche wunderbar schrägen Werke wie "Die souveräne Leserin" von Alan Bennett und Autobiografisches wie "Der Pianist" von Wladyslaw Szpilman. Was das Genre Krimi angeht, mochte ich besonders die frühen Romane von Minette Walters sehr. "Im Eishaus" und "Die Bildhauerin" habe ich verschlungen. 

Was machst du gerne in deiner Freizeit?

Im Garten werkeln, Bücher meiner Schreibkollegen lesen, malen, fotografieren, Yoga. Seit Neuestem auch Jumping, also Trampolin-Hüpfen für Große - das macht Spaß und ich komme ordentlich außer Puste! Also der perfekte Ausgleich für einen Schreib-Nerd wie mich.

Verrätst du einen deiner Wünsche für deine Zukunft oder einen Traum, den du dir gerne noch erfüllen möchtest? 

Ich hoffe vor allem auf Gesundheit für mich und meine Familie. Wenn die Zauberfee vorbeikäme und ich mir noch was obendrauf wünschen dürfte, wäre das ein Zuber voll Zeit. Bei den vielen Interessen und Ideen, die ich habe, hätte ich allerdings selbst bei einer Zauberfee Bedenken, ob sie den Zuber auf Dauer voll bekäme. 

Wie wichtig ist dir das Feedback von deinen Lesern? 

Sehr wichtig! Vor allem den direkten Austausch mag ich sehr, so wie man ihn beispielsweise in Leserunden bei LovelyBooks findet. Ein solch unmittelbares, ehrliches, konstruktives Feedback bekommt man sonst selten. Wenn ich den nämlichen Zuber mit Zeit zur Verfügung hätte, würde ich wahrscheinlich jeden Monat mindestens eine Leserunde bei LB oder sonstwo starten. Was mir an diesen virtuellen Begegnungen außerdem gefällt: dass ich sogar "Mainstream-Abseitiges" unters Lesevolk bringen kann. Beispielsweise habe ich mit meinem (schwarzweiß bebilderten) Märchenbuch "Wie das Schneeglöckchen zu seiner Farbe kam" eine literarische "Mal- und Lesereise" angeboten. Es war ein Erlebnis für mich, wie kreativ die Leser/innen, teils sogar zusammen mit ihren Kindern, meinen Geschichten ihre eigenen Farben gegeben haben! 

Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, magst du den Lesern noch etwas sagen? 

Erstens: Falls Ihr neugierig auf meine "Krimis zur Kriminalistik" oder "Die Wassermühle und ein Polizistenleben" geworden seid: Es gibt zwar noch die alten Ullstein-Ausgaben, aber alle drei Romane sind 2016 komplett überarbeitet und neu editiert worden und erscheinen jetzt als Paperback oder Hardcover-Ausgaben im Großformat. 

Zweitens: Wenn es mir gelänge, den einen oder anderen Krimi-Fan in den "Garten der alten Dame" oder auf "Die Startbahn" zu locken, würde mich das diebisch freuen. 

Und drittens: Ja, ich weiß, genrehüpfende Autoren wie ich sind für viele Leser eine Zumutung. Aber seht es mir und anderen Abtrünnigen nach – Wenn es uns überkommt, morden wir auch wieder …


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